Dies schreibt Frau X

Dies schreibt Frau Bodrožić selbst zu ihrem Seminar:

«Sehen heißt ändern» – von den Nornen gestützt

Bevor Sprache ein geistiges Kontinuum bildet, geht ihr im Unsichtbaren eine noch uneroberte Stille voraus, ein unbeweisbarer (schlafender) Resonanzraum, der zum einen mit unserer Einbildungskraft verbunden ist und zum anderen das gelebte Leben spiegelt.

Die Einbildungskraft ist immer ein bißchen autobiographisch, und das Leben wird früher oder später (meistens in der Rückschau) immer imaginiert.
In einem einzigen Satz kann sich manchmal die hochkonzentrierte Erfahrung eines ganzen Lebens (oder einer Beziehung oder einer tief in der eigenen Existenz eingekerbten Struktur) bündeln.

Wie schaut Sprache darauf?
Wie können Sätze mit dem Atem des Erlebten ertastet werden und schließlich, wenn der Text danach strebt, in etwas anderes und neues münden?

«Die Erinnerungen sehen uns», heißt es einmal bei dem Dichter Tomas Tranströmer. Diese Perspektive ist erfrischend, weil sie sich vom festgezurrten Ich entfernt. Die Erinnerungen haben nicht nur eigene Augen, sondern auch einen eigenen Klang – er versteckt sich hinter den Geräuschen und hinter der Geschäftigkeit der Welt. Schreibend und träumend werden wir manchmal in die Erinnerung gestoßen, häufig in etwas, das wir gar nicht selbst erlebt haben und dennoch trägt das Erlebnis die Struktur eines sprachlichen (oder bildlichen) Ereignisses.

Wie kommt das Wort ins Bild und das Bild ins Wort?
Und auf welche Weise können wir diesen geheimnisvollen und heiligen Raum erzählen?

Die innere Bildwelt ist ganz eigenen Gesetzen verpflichtet; jeder hat eine eigene Bildwelt, Schnittmengen archetypischer Bilder tragen wir aber gleichermaßen in uns.

Wie können wir uns selbst lesen lernen, ohne immer nur Biographie zurückzugreifen?
Was ist überhaupt eine Biographie?

Der Weg vom Ich zum Selbst ist ein (innerer) tatsächlich ein abzuschreitender Weg.

Wer in uns liest überhaupt, wenn er sich in sich selbst versenkt und nach Sprache sucht?

Dem Schreiben geht immer ein schöpferisches Sehen voraus, es erschafft und spiegelt zeitgleich die Welt. Im Innen spiegelt es unsere Beziehung zu uns selbst und zur Welt (Berührung mit den anderen Menschen); im Außen zeigt es uns ein Geflecht aus allen Elementen des Synästhetischen und fordert alle unsere Sinne heraus.

Wie schreiben, denken, fühlen die Sinne in unserem Welterleben und im Erschreiben der Welt mit?
Sind die im äußeren Blick gefundenen Bilder Räume von Träumen und die im inneren Blick zu erschauenden Bilder Träume, die noch zu Räumen werden (können)?
Wohin gehen die Bilder, wenn wir nicht mehr an sie denken?
Können Erfahrungen verschwinden?

Als Denk- und Sehstütze in diesem Arbeitsprozess werden uns die schicksalsbestimmenden Nornen dienen. Die Nornen sind in der nordischen Mythologie damit befasst, das Leben der Menschen zu gestalten. Die erste Norne spinnt den Lebensfaden, die zweite verknüpft ihn mit dem Lebensfaden anderer Menschen und die dritte schneidet ihn irgendwann entzwei. Der Cut ist der Augenblick, in dem für uns der Beginn einer möglichen Erzählung einsetzt – wie fragmentisch auch immer diese ist.

Die Teilnehmer /Innen der Werkstatt werden gebeten, im Vorfeld ein für sie wichtiges Thema zu benennen und zu überlegen, was sich für sie an diesem Thema für eine Geschichte entzündet, welche Assoziationsräume und Strukturen es in sich birgt – und was es mit dem eigenen Leben zu tun hat. (Leben ist nicht nur Chronologie, sondern auch innere Zeit, Imagination, Sehnsucht, Vision.) Bei der Themenwahl ist alles denkbar, es können dabei philosophische, existenzielle und strukturelle Ansätze gleich welcher Art von Bedeutung sein. Von «Nikotin» bis «Nacht» ist alles erlaubt. Bitte das Thema des Sehens, das zu einem Textkorpus führen soll, so knapp wie möglich halten.

Folgende Bücher / Texte, die ich als Inspiration empfehle (und die Bespiele für eine solche Herangehensweise darstellen können), setzen sich mit einem Thema in einer formal oder sprachlich eigensinnigen Weise auseinander:

Theodor W. Adorno: Traumprotokolle
Swetlana Alexijewtisch: Tschernobyl
Jean Améry: Über das Altern
Teresa von Avila: Das Buch meines Lebens
Walter Benjamin: Träume
Silvia Bovenschen: Sarahs Gesetz
Silvia Bovenschen: älter werden
Joe Brainard: Ich erinnere mich
André Breton: Nadja
Durs Grünbein: Die Jahre im Zoo
Gregor Hens: Nikotin
Barbara Honigmann: Chronik meiner Strasse
Ricarda Huch: Urphänomene
Siri Hustvedt: Die zitternde Frau
Siri Hustvedt: Leben, Denken, Schauen
Olivia Laing: The lonely city
Michel Leiris: Mannesalter
Michel Leiris: Das Heilige im Alltagsleben
Jacques Lusseyran: Das wiedergefundene Licht
Heiner Müller: Traumtexte
Jean-Luc Nancy: Ausdehnung der Seele
Adam Philipps & Barbara Taylor: On Kindness
Michail Rykling: Buch über Anna
Susan Sontag: Das Leiden anderer betrachten
Virginia Woolf: Ein eigenes Zimmer

Beiträge gepostet in Texte

Bücher im Bett

Ich teile mein Bett mit Büchern. Dass das ungewöhnlich ist, war mir nicht klar, bis mir dies eine Freundin, mit der ich das Bett nicht teile, mit klaren Worten zu verstehen gab. Ich fand das wiederum unverschämt – es klang mir ein wenig zu sehr nach Besitzanspruch. Mein Bett ist immerhin 1,60 Meter breit und es ist sehr viel Platz – mehr Platz auf jeden Fall als auf dem Nachttischchen, das ja gerade deshalb Tischchen heißt, weil es ein kleiner Tisch ist. Dort stapeln sich die Bücher, auf dem Bett kann ich sie schön nebeneinanderlegen, manchmal auch in zwei Lagen.
Ungewöhnlich ist eher die im täglichen Gebrauch befindliche Auswahl dieses Monats: zwei Bände des „Illustrierten Lexikons der deutschen Umgangssprache“ – Band 8 von Susig bis Zypresse und Band 5 von Kot bis Naschzahn. Das Lexikon ist aus dem Jahr 1984 und ich bin jedes Mal aufs Neue perplex, wie viele der dort aufgeführten Wörter heute nicht mehr gebräuchlich sind.
Zum Beispiel eben dieses Wort „susig“, welches 1. „benommen, verträumt“ oder 2. „oberflächlich bei der Arbeit“ bedeutet.
Nun bin ich Ostwestfale, und wie bereits dieser abstruse Terminus impliziert, sind viele Ostwestfalen, z.B. Wiglaf Droste, oder eben auch ich, fasziniert von sprachlichen Schöpfungen, denen etwas Aberwitziges eigen ist.
Darum auch meine Faszination für dieses Lexikon, in dem die Worte auftauchen wie Schimären aus der Tiefe: „Treibaufnudel“ – lebenshungriges Mädchen mit übertriebenen Erwartungen“ oder „Verhohnepiepeln“ – „jemanden verhöhnen, verspotten“. Ferner liegen auf meinem Bett „Nachbarn“ von Madeleine Prahs, „5 Kopeken“ von Sarah Stricker – ein ganz großartiges Buch!, „Die Geschlechter“ von Dorothy Parker, „Zwei sehr ernsthafte Damen“ von Jane Bowles, „Sanduhr“ von Danilo Kis, „Land der Winde“ von Gerhard Meier und natürlich auch ein Buch von Wilhelm Genazino – in diesen Tagen „Das Licht brennt ein Loch in den Tag“. Für die Stunden, in denen ich Trost brauche – und Genazino bietet Rettung in jeder Lebenslage. Klar – das sind einige Bücher, und ziemliche Staubfänger dazu, aber die sind mir im Grunde im Bette lieber als unverlässliche Staubgeborene.
Und außerdem mag ich es sehr, wenn sie sich neben mir im Bett breitmachen – sie schnarchen nicht, sie verbreiten morgens immer die gleiche gute Laune, benötigen nicht zwingend einen Kaffee, bevor man mit ihnen etwas anfangen kann, und man kann in ihnen tatsächlich lesen wie in einem Buch.

“Writing a book is so easy.”

thescalexwrites:

Yes. Writing a book is the easiest thing in the whole world. In fact, let me show you just how easy it is!

Goal: change all this paper into a book.

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Eh, not that hard. I mean, you just have to read, right?

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Maybe scratch a few notes in the margins as reminders.

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Yeah, writing and editing isn’t time consuming or painstaking at all.

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In fact, I find it quite relaxing. Good meditation. No stress whatsoever!

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I mean, it’s not like writing a book involves any train of thought or decision making, like when to cut scenes, because whatever you write is perfect and there to stay!

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I mean, come on, it’s not like I’m going to rewrite the first chapter 51 TIMES to make sure it’s how I want it, right? That’d be crazy.

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And no, it’s not like I spent over 3,000 HOURS READING AND REVISING 14 DRAFTS OF THE BOOK to make this book readable.

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No sweat, no tears, no blood, and DEFINITELY no coffee stains.

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Nope, writing is the easiest job in the world. I don’t see why anyone thinks otherwise. I mean, all we do is scribble words and take a few out, right?

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We feel no satisfaction AT ALL when we receive a shipment of the final product for a book signing. *yawn* BOR–ING.

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Nope, we don’t get excited at all. It’s just another day in the life.

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And the sequels? Bitch, please. That’s child’s play.

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You’re right. Writing a book is so easy. It’s not stressful, not exciting, and it’s definitely not worth the reward of holding something that USED TO BE EXCLUSIVELY IN YOUR HEAD AND NOW YOU GET TO SHARE IT WITH THE WHOLE WORLD.

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beugen – Rea – Gedichte, Lyrik, Poesie

beugen – Rea – Gedichte, Lyrik, Poesie

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Henry James

sumpfdotterblume:

“Welches Leben du auch immer führst, du musst deine ganze Seele hineinlegen, wenn du Erfolg haben willst; und von dem Augenblick an, wo du das tust, hört es auf, Romantik zu sein, das kann ich dir versichern – dann wird es grimmige Wirklichkeit! Und es kann dir nicht immer alles gefallen; manchmal musst du eben anderen Leuten gefallen. Dazu bist du durchaus bereit, das gebe ich zu, aber da ist noch etwas anderes, was sogar noch wichtiger ist – du musst anderen oft missfallen. Dazu musst du immer bereit sein – du darfst niemals davor zurückschrecken.”

Henry James “Bildnis einer Dame” (1881)

Foto: gefunden auf Pinterest

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Wenn man mit dem Bus kommt, könnte man wahrhaftig meinen, der dritte Weltkrieg sei gerade vorbei. Aber nein, es handelt sich bloß um einen Sanierungsplan.

Michel Houellebecq – Ausweitung der Kampfzone.

Virginia Satir

Die fünf Freiheiten
Die Freiheit zu sehen und zu hören was jetzt ist, anstatt was sein sollte, was war oder was sein wird.
Die Freiheit zu fühlen was ich fühle, anstatt zu fühlen, was man fühlen sollte.
Die Freiheit zu sagen was ich fühle und denke, anstatt was ich fühlen und denken sollte.
Die Freiheit danach zu fragen was ich gerne möchte, anstatt auf Erlaubnis zu warten.
Die Freiheit auf eigene Faust Risiken einzugehen, anstatt immer auf Nummer sicher.

Virginia Satir