Dies schreibt Frau X

24. August 2017 Texte

Dies schreibt Frau Bodrožić selbst zu ihrem Seminar:

«Sehen heißt ändern» – von den Nornen gestützt

Bevor Sprache ein geistiges Kontinuum bildet, geht ihr im Unsichtbaren eine noch uneroberte Stille voraus, ein unbeweisbarer (schlafender) Resonanzraum, der zum einen mit unserer Einbildungskraft verbunden ist und zum anderen das gelebte Leben spiegelt.

Die Einbildungskraft ist immer ein bißchen autobiographisch, und das Leben wird früher oder später (meistens in der Rückschau) immer imaginiert.
In einem einzigen Satz kann sich manchmal die hochkonzentrierte Erfahrung eines ganzen Lebens (oder einer Beziehung oder einer tief in der eigenen Existenz eingekerbten Struktur) bündeln.

Wie schaut Sprache darauf?
Wie können Sätze mit dem Atem des Erlebten ertastet werden und schließlich, wenn der Text danach strebt, in etwas anderes und neues münden?

«Die Erinnerungen sehen uns», heißt es einmal bei dem Dichter Tomas Tranströmer. Diese Perspektive ist erfrischend, weil sie sich vom festgezurrten Ich entfernt. Die Erinnerungen haben nicht nur eigene Augen, sondern auch einen eigenen Klang – er versteckt sich hinter den Geräuschen und hinter der Geschäftigkeit der Welt. Schreibend und träumend werden wir manchmal in die Erinnerung gestoßen, häufig in etwas, das wir gar nicht selbst erlebt haben und dennoch trägt das Erlebnis die Struktur eines sprachlichen (oder bildlichen) Ereignisses.

Wie kommt das Wort ins Bild und das Bild ins Wort?
Und auf welche Weise können wir diesen geheimnisvollen und heiligen Raum erzählen?

Die innere Bildwelt ist ganz eigenen Gesetzen verpflichtet; jeder hat eine eigene Bildwelt, Schnittmengen archetypischer Bilder tragen wir aber gleichermaßen in uns.

Wie können wir uns selbst lesen lernen, ohne immer nur Biographie zurückzugreifen?
Was ist überhaupt eine Biographie?

Der Weg vom Ich zum Selbst ist ein (innerer) tatsächlich ein abzuschreitender Weg.

Wer in uns liest überhaupt, wenn er sich in sich selbst versenkt und nach Sprache sucht?

Dem Schreiben geht immer ein schöpferisches Sehen voraus, es erschafft und spiegelt zeitgleich die Welt. Im Innen spiegelt es unsere Beziehung zu uns selbst und zur Welt (Berührung mit den anderen Menschen); im Außen zeigt es uns ein Geflecht aus allen Elementen des Synästhetischen und fordert alle unsere Sinne heraus.

Wie schreiben, denken, fühlen die Sinne in unserem Welterleben und im Erschreiben der Welt mit?
Sind die im äußeren Blick gefundenen Bilder Räume von Träumen und die im inneren Blick zu erschauenden Bilder Träume, die noch zu Räumen werden (können)?
Wohin gehen die Bilder, wenn wir nicht mehr an sie denken?
Können Erfahrungen verschwinden?

Als Denk- und Sehstütze in diesem Arbeitsprozess werden uns die schicksalsbestimmenden Nornen dienen. Die Nornen sind in der nordischen Mythologie damit befasst, das Leben der Menschen zu gestalten. Die erste Norne spinnt den Lebensfaden, die zweite verknüpft ihn mit dem Lebensfaden anderer Menschen und die dritte schneidet ihn irgendwann entzwei. Der Cut ist der Augenblick, in dem für uns der Beginn einer möglichen Erzählung einsetzt – wie fragmentisch auch immer diese ist.

Die Teilnehmer /Innen der Werkstatt werden gebeten, im Vorfeld ein für sie wichtiges Thema zu benennen und zu überlegen, was sich für sie an diesem Thema für eine Geschichte entzündet, welche Assoziationsräume und Strukturen es in sich birgt – und was es mit dem eigenen Leben zu tun hat. (Leben ist nicht nur Chronologie, sondern auch innere Zeit, Imagination, Sehnsucht, Vision.) Bei der Themenwahl ist alles denkbar, es können dabei philosophische, existenzielle und strukturelle Ansätze gleich welcher Art von Bedeutung sein. Von «Nikotin» bis «Nacht» ist alles erlaubt. Bitte das Thema des Sehens, das zu einem Textkorpus führen soll, so knapp wie möglich halten.

Folgende Bücher / Texte, die ich als Inspiration empfehle (und die Bespiele für eine solche Herangehensweise darstellen können), setzen sich mit einem Thema in einer formal oder sprachlich eigensinnigen Weise auseinander:

Theodor W. Adorno: Traumprotokolle
Swetlana Alexijewtisch: Tschernobyl
Jean Améry: Über das Altern
Teresa von Avila: Das Buch meines Lebens
Walter Benjamin: Träume
Silvia Bovenschen: Sarahs Gesetz
Silvia Bovenschen: älter werden
Joe Brainard: Ich erinnere mich
André Breton: Nadja
Durs Grünbein: Die Jahre im Zoo
Gregor Hens: Nikotin
Barbara Honigmann: Chronik meiner Strasse
Ricarda Huch: Urphänomene
Siri Hustvedt: Die zitternde Frau
Siri Hustvedt: Leben, Denken, Schauen
Olivia Laing: The lonely city
Michel Leiris: Mannesalter
Michel Leiris: Das Heilige im Alltagsleben
Jacques Lusseyran: Das wiedergefundene Licht
Heiner Müller: Traumtexte
Jean-Luc Nancy: Ausdehnung der Seele
Adam Philipps & Barbara Taylor: On Kindness
Michail Rykling: Buch über Anna
Susan Sontag: Das Leiden anderer betrachten
Virginia Woolf: Ein eigenes Zimmer

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