Genazino

28. März 2014 Uncategorized

Ich las in einem Roman von Wilhelm Genazino über das Leben eines Angestellten, der sich seinem Therapeuten gegenüber äußert und von seinem Vater erzählt.
Dieses Bild war derart präzise gezeichnet, daß ich die Schublade, das Lineal und das alte hart gewordene Radiergummi geradezu riechen konnte – und ebenso die Verzweiflung meines eigenen Vaters, die im Laufe der Jahre, die er sitzend an seinem Schreibtisch im Wohnzimmer verbracht hatte, in stille Stumpfheit übergegangen war. Wie er peinlich genau die Packung mit den Heftklammern aneinander reihte, das Lineal im Abstand von einem Zentimeter daneben plaziert und den Block mit den Zetteln seitlich davon gelegt hatte. Er pulte erst die Reste Papier aus der metallenen Spirale des Blockes, warf sie mit Bedacht, wozu er den Papierkorb mit dem Fuß heranzog, in eben diesen hinein und legte den Block neben das Lineal. Das alles deprimierte mich über die Maßen, kannte ich doch meinen Vater als eine lebendigen und gewandten Mann, der sich wenig um Kleinigkeiten scherte. Jetzt schien er geradezu aufzugehen in dieser meditativ anmutenden aber komplett sinnlosen Tätigkeit.
So hielt ich es nicht lange bei meinen Eltern aus. Alles war mir zuwider, nicht zuletzt dank der russischen Putzfrau, der es, trotz einer ihr offenbar angeborenen Grobmotorik, glänzend gelang, die Wohnung wenigstens sauber und geordnet anmutend nach ihren Aktivitäten zurückzulassen.
Diese konstruierte Ordnung rief in mir gleich das Bild der guten Stube hervor, wie ich es als Kind auf dem Bauernhof meines Großvaters erlebt hatte, sehr aufgeräumt, mit gebügelten Deckchen und Schonbezügen, fast immer abgeschlossen und eiskalt wie ein Kühlraum, der diesen Zweck tatsächlich erfüllte als mein Großvater gestorben und auf dem Bett liegend aufgebahrt war.
Hermetisch und klinisch, kalt und unbewohnbar. Dies hingegen war die bürgerliche Variante, beheizt und trotzdem nicht weniger bewohnbar. Ein Aufenthaltsraum, der in mir Lähmungserscheinungen hervorrief, eine grundlegend gereizte Stimmung und ein Gefühl des Ausgeliefertseins.

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