Haftende Erinnerung 1

8. August 2014 Uncategorized

In kurzen Hosen im Wald spielend mit Freunden. Ein offensichtlich krankes Kaninchen, das mit verklebten Augen, blind und voller Panik zu fliehen versucht und dabei immer wieder frontal gegen die Stämme der Tannen läuft. Ganz blutig ist es und entsetzlich stumm. Als der Älteste bin ich schnell auserkoren es einzufangen – in eine Tüte zu stecken und mit einem dicken Ast zu erschlagen.
Ausgerechnet ich, der ich empfindlich war gegen Brutalitäten jeder Art und der es kaum ertragen konnte, wenn eines der Haustiere in der Nachbarschaft schlecht behandelt wurde und Schläge sah ich nicht selten damals.
Ich tat es nur deshalb, weil die anderen Kinder noch verstörter waren als ich und weil das Tier so schrecklich litt, wie ich noch nie ein Tier hatte leiden sehen. Dass es dabei keinen Laut von sich gab, steigerte das Grauen auf eine groteske Weise – wie Folterszenen in einem Film, bei dem man den Ton weggedreht hat, weil man die Schreie nicht ertragen kann.
Die dann aber umso lauter in den Ohren gellen, wenn man des Nachts unberuhigt im Bett liegt, weil man sich aus einem Schuldgefühl heraus nicht getraut hat, jemandem seine Not anzuvertrauen. Das Urteil spreche ich selbst – ich bin schuldig. Ich habe getötet.

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