Sonntags Lassie

16. März 2014 Uncategorized

Sonntags, so erzählte mir eine Freundin, Sonntags musste sie mit ihrer älteren Schwester immer Fernsehen gucken. Was sie eigentlich, außer zu bestimmten Zeiten, nicht durfte, war sonntägliches Gebot. Die Mutter wurde laut, wenn ihr Befehl nicht befolgt wurde und noch lauter wenn er befolgt wurde, aber dann erst später, was sie selber auch erst später bemerkte. Es war auch eine andere Art des Laut werdens, des Laut gebens, höher, heller, verzweifelter, aber nicht so wütend. Sie machte ihre Schwester darauf aufmerksam, die es auch schon früher bemerkt hatte, als sich das Bild verstellt hatte am Fernseher und sie um Hilfe bitten wollte. Die Geräusche aus dem Schlafzimmer hielten sie davon ab, das war ihr nicht geheuer. Die Mutter aber kam kurze Zeit später wieder zu ihr, sagte nur, was ist denn mit dem Bild los und schaltete den Fernseher aus. Sie hatte es nicht vergessen, das ungeheuerliche Geräusch, konnte es aber auch nicht einordnen – nachzufragen schien ihr unmöglich – und da auch ihre Schwester keine Antwort wusste, das Schlüsselloch keine klärende Aussicht bot, dauerte es Jahre, bis sie ihrer besten Freundin diese Geräuschkulisse vorspielte und Antworten bekam, die sie so eigentlich nicht hören wollte.
Heute sagte sie, erinnere ich das als schon etwas gruselig, auch irgendwie animalisch, aber als ich später mit meiner eigenen Sexualität befasst war, hat es mich zuerst abgestossen, dass die eigenen Eltern sich so etwas hingaben und dann hat es mich auch auf eine gewisse Art angemacht. Weil es so etwas Verborgenes war, ein heimlicher Vorgang, der mir unheimlich vorkam durch die unbekannten Gräusche und gerade die Kombination des erinnerten Stöhnens mit dem, was ich dann ja auch selber tat, war gut. Sobald sich ein einziges Bild meiner Eltern einmischte, schlug die Erregung in Abscheu und Ekel um. Heute könne sie damit ganz anders umgehen, die Vorstellung, dass ihre Eltern Liebe gemacht hätten am einzigen Tag, an dem der Vater nicht von der Arbeit erschöpft war und dass die Mutter mit Hilfe des Fernsehers dafür gesorgt hatte, dass die Kinder Ruhe gaben und dass ihre Mutter den Geräuschen nach offensichtlich Lust empfunden hätte, würde sie heute glücklich machen. Es wäre im Nachhinein, also jetzt, eine sie tatsächlich glücklich machende Erfahrung und sie würde es als schön empfinden, dass ihre Mutter eine lustvolle Frau gewesen sein. Gesprochen hätten sie nie miteinander über derlei Themen.

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