Die Grundfigur der durchgesetzten Moderne ist – zu Ende gedacht – der oder die Alleinstehende (Lerke Gravenhorst).
In den Erfordernissen des Arbeitsmarktes wird von den Erfordernissen der Familie, Ehe, Elternschaft, Partnerschaft usw. abgesehen. Wer in diesem Sinne die Mobilität am Arbeitsmarkt ohne Rücksicht auf private Belange einklagt, betreibt – gerade als Apostel des Marktes – die Auflösung der Familie. Dieser Widerspruch zwischen Arbeitsmarkt und Familie (oder Partnerschaft ganz allgemein) konnte so lange verdeckt bleiben, wie Ehe für Frauen gleichbedeutend war mit Familienzuständigkeit, Berufs- und Mobilitätsverzicht. Er bricht heute in dem Maße auf, in dem die Teilung von Berufs- und Familienarbeit in die Entscheidung der (Ehe-)Partner gelegt wird. Mit dieser marktkonformen Interpretation der Gleichheitsforderung, erfasst die Individualisierungsspirale immer stärker die Beziehungen /wischen Männern und Frauen. Dass dies nicht nur ein Gedankenexperiment ist, zeigen die sprunghaft ansteigenden Zahlen für Einpersonenhaushalte und alleinerziehende Mütter und Väter im internationalen Vergleich.
Es wird aber auch an der Art der Lebensführung deutlich, die den Menschen unter diesen Bedingungen abverlangt wird.
In dem Leben, das – bei aller sozialen Orientierung und Vielfalt – im Kern allein geführt werden soll bzw. muss, sind Vorkehrungen erforderlich, die diese Art der Lebensführung gegen die in sie eingebauten Gefährdungen absichern. Kontaktkreise müssen aufgebaut und gepflegt werden für die verschiedensten Gelegenheiten. Dies erfordert viel Bereitschaft auf der eigenen Seite, die Lasten der anderen mitzutragen. Eine Intensivierung des Freundschaftsnetzes bleibt unverzichtbar und ist auch der Genuss, den das Single-Dasein bietet. Gerade die ausgesuchten Flüchtigkeiten bieten ihre Reize. Alles dies setzt eine möglichst sichere Berufsposition voraus – als Einnahmequelle und als Selbstbestätigung und Sozialerfahrung -, die entsprechend gepflegt und behauptet werden muss.
Der so entstehende »Kosmos des eigenen Lebens« wird auf das Zentrum des Ichs, seine Verletzlichkeiten, Möglichkeiten, Stärken und Schwächen hin zugeschnitten und ausbalanciert.
Doch in dem Maße, in dem diese individualisierte Existenzführung gelingt, wächst die Gefahr, dass sie zu einem unüberschreitbaren Hindernis für die ja meist doch angestrebte Partnerschaft (Ehe / Familie) wird. In dem Single-Dasein wächst die Sehnsucht nach dem (der) anderen ebenso wie die Unmöglichkeit, diesen
Menschen in den Bauplan des nun wirklich »eigenen Lebens« überhaupt noch aufnehmen zu können. Das Leben wurde ausgefüllt mit der Nichtgegenwart des anderen. Jetzt ist kein Raum mehr für ihn (sie). Alles atmet die Abwehr von Einsamkeit: die Vielfalt der Beziehungen, die Rechte, die man ihnen einräumt, die
Gewohnheiten des Wohnens, die Verfügung über den Zeitplan, die Arten des Rückzugs, um die hinter den Fassaden bohrenden Schmerzen zu bewältigen.
Dies alles wird durch die erhoffte Zweisamkeit in seiner mühselig austarierten Feinbalance gefährdet.
Die Konstruktionen der Selbständigkeit werden zu Gitterstäben der Einsamkeit. Der Kreis der Individualisierung schließt sich.
Das “eigene Leben” muss besser gesichert, die Mauern, die die Verletzungen, vor denen sie schützen sollen, mitbedingen, müssen höher gezogen werden.
Diese Existenzform des Alleinstehenden ist kein abweichender Fall auf dem Weg der Moderne. Sie ist das Urbild der durchgesetzten Arbeitsmarktgesellschaft.
Die Negation sozialer Bindungen, die in der Marktlogik zur Geltung kommt, beginnt in ihrem fortgeschrittensten Stadium auch die Voraussetzungen dauerhafter Zweisamkeit aufzulösen. Damit ist sie ein Fall paradoxer Vergesellschaftung, in der die hochgradige Gesellschaftlichkeit, die in ihr zum Durchbruch kommt, nicht mehr in Erscheinung tritt.
In der hier vorgetragenen Art hat diese Überlegung zunächst eher »idealtypischen« Charakter. Wie die Daten (s.o.) zeigen, kommt ihr aber auch durchaus ein wachsendes Stück Realität zu.
Mehr noch: Sie ist die wahrscheinlich ungesehene und ungewollte Konsequenz, in die die Forderung der Gleichheit der Geschlechter unter den gegebenen institutionellen Bedingungen hineinführt.
Wer – wie Teile der Frauenbewegung – mit dem besten Recht Traditionen, unter denen die Moderne angetreten ist, weiterverlängert und die marktkonforme Gleichstellung von Mann und Frau einklagt und betreibt, muss auch sehen, dass am Ende dieses Weges aller Wahrscheinlichkeit nach nicht die gleichberechtigte Eintracht steht, sondern die Vereinzelung in gegen- und auseinanderlaufenden Wegen und Lagen, für die es heute unter der Oberfläche des Zusammenlebens bereits viele Anzeichen gibt.

“Das ganz normale Chaos der Liebe” von Beck / Beck-Gernsheim 1990

Gedanken anlässlich C.s Beerdigung

Letzten Freitag war C.s Beerdigung, zu der ich nicht gegangen bin, weil ich keinen Bock hatte. Warum sollte ich einem Kadaver die letzte Ehre erweisen?
Das hört sich vielleicht verächtlich an, aber was da in die Erde kam, hatten die meisten sich im letzten Jahr, während C. im Hospiz war, nicht anschauen wollen. Jetzt am Grab zu stehen und zu trauern, hätte mich wahrscheinlich zum Kotzen gebracht. Da ich aber wusste, dass man nach mir fragen würde, weil bekannt war, dass ich in C.s letztem Jahr alle zwei, drei Tage bei ihr war, hatte ich A., der Mutter meiner Kinder, einige Instruktionen gegeben, was sie auf die Nachfragen antworten sollte. Nicht das ich denke, dass ich mich hätte rechtfertigen müssen, aber A. bat mich darum und um ihr solide Peinlichkeit zu ersparen, antwortete ich, sie solle sagen, dass ich mich schon im letzten Jahr von Christa verabschiedet hätte und das dieses Jahr ein verdammt langer Abschied gewesen sei. Ok, verdammt, habe ich gesagt, solle sie doch lieber nicht sagen.  Sie wurde natürlich gefragt und sie antwortete. Mein Vetter meinte darauf nur, dafür hätte mich B., seine Schwester, also meine Cousine, immer geliebt, gerade für diese unkonventionelle Sichtweise. Diese ganz spezielle Sicht auf die Dinge. Als A. mir das einige Tage später erzählte, war ich verblüfft, hatte ich doch keinen Kontakt mehr zu meiner Cousine, seit ich dreizehn Jahre alt war.
Wie war ich also als Dreizehnjähriger? Speziell sicher, uninteressiert an Lügen, auf der Suche nach Wahrheiten. Neugierig auf das Leben wie jeder Dreizehnjährige, aber uninteressiert an Erfahrungen, ein Beobachter, ein Gast. Mir waren die Sterne immer näher als die Menschen. Ich war oft einsam, aber nie allein.
  Wie bin ich jetzt? Habe ich mich tatsächlich grundlegend verändert? Die Antwort lautet nein – ich fasse es selber kaum, aber es scheint tatsächlich so zu sein. 
Fast vierzig Jahre sind vergangen. Ich habe Erfahrungen gesammelt, das ließ sich wohl nicht vermeiden, aber habe ich daraus gelernt? Hat sich deswegen meine Sicht auf die Menschen und die Welt verändert? Beziehungen, Freundschaften, Affären, Partnerschaften – Kinder, die daraus entstanden sind. Reisen und Städte, 
Selbständigkeit und Konkurs, Gewalt und Lust, Verlust und Tod. Alles dabei – war ich dabei?
Im Abstand erscheint mir vieles davon wie eine Erscheinung – wie ein Spiel, bei dem ich nur Beobachter war, einiges verfolgt mich noch heute in Träumen. Und – habe ich mich deswegen geändert?
Bin ich noch der Junge, der ich vor mehr als einem Vierteljahrhundert war?
Wenn ich in den Spiegel schaue, sehe ich mein Alter, es ist brutal, die Falten, die hängenden Wangen, die Glatze und die Tränensäcke. Ich sehe kaum noch den scheuen Jungen, der ich war. Aber wenn ich mir tief in die Augen schaue, sehe ich darin das Leuchten, weil alles spannend ist, bloß weil es geschieht. Ich sehe den Träumer, der ich geblieben bin – auch den Looser, der wie Kleist zum Abschied sagen könnte: Die Wahrheit ist, dass mir auf Erden nicht zu helfen war. Aber ich bin nicht Kleist – mein Scheitern war immer Neuanfang, immer Beginn von etwas, was mich neugierig gemacht hat auf die Möglichkeiten, die hinter dem Absturz liegen, die danach kommen.
So kann ich locker den Untergang zu einer weiteren Lebensroutine erklären und damit lachend leben. Wahrscheinlich mag man mich sogar wegen meines skurrilen Humors, der letztlich immer aus meinem Wissen um die Möglichkeit des plötzlichen Zusammenbruchs  entstanden ist. Und manchmal finde ich das sogar ziemlich cool, wenn ich all die Absurditäten um mich herum sehe, die man das Leben nennt oder eben auch das Sterben.