Bücher im Bett

Ich teile mein Bett mit Büchern. Dass das ungewöhnlich ist, war mir nicht klar, bis mir dies eine Freundin, mit der ich das Bett nicht teile, mit klaren Worten zu verstehen gab. Ich fand das wiederum unverschämt – es klang mir ein wenig zu sehr nach Besitzanspruch. Mein Bett ist immerhin 1,60 Meter breit und es ist sehr viel Platz – mehr Platz auf jeden Fall als auf dem Nachttischchen, das ja gerade deshalb Tischchen heißt, weil es ein kleiner Tisch ist. Dort stapeln sich die Bücher, auf dem Bett kann ich sie schön nebeneinanderlegen, manchmal auch in zwei Lagen.
Ungewöhnlich ist eher die im täglichen Gebrauch befindliche Auswahl dieses Monats: zwei Bände des „Illustrierten Lexikons der deutschen Umgangssprache“ – Band 8 von Susig bis Zypresse und Band 5 von Kot bis Naschzahn. Das Lexikon ist aus dem Jahr 1984 und ich bin jedes Mal aufs Neue perplex, wie viele der dort aufgeführten Wörter heute nicht mehr gebräuchlich sind.
Zum Beispiel eben dieses Wort „susig“, welches 1. „benommen, verträumt“ oder 2. „oberflächlich bei der Arbeit“ bedeutet.
Nun bin ich Ostwestfale, und wie bereits dieser abstruse Terminus impliziert, sind viele Ostwestfalen, z.B. Wiglaf Droste, oder eben auch ich, fasziniert von sprachlichen Schöpfungen, denen etwas Aberwitziges eigen ist.
Darum auch meine Faszination für dieses Lexikon, in dem die Worte auftauchen wie Schimären aus der Tiefe: „Treibaufnudel“ – lebenshungriges Mädchen mit übertriebenen Erwartungen“ oder „Verhohnepiepeln“ – „jemanden verhöhnen, verspotten“. Ferner liegen auf meinem Bett „Nachbarn“ von Madeleine Prahs, „5 Kopeken“ von Sarah Stricker – ein ganz großartiges Buch!, „Die Geschlechter“ von Dorothy Parker, „Zwei sehr ernsthafte Damen“ von Jane Bowles, „Sanduhr“ von Danilo Kis, „Land der Winde“ von Gerhard Meier und natürlich auch ein Buch von Wilhelm Genazino – in diesen Tagen „Das Licht brennt ein Loch in den Tag“. Für die Stunden, in denen ich Trost brauche – und Genazino bietet Rettung in jeder Lebenslage. Klar – das sind einige Bücher, und ziemliche Staubfänger dazu, aber die sind mir im Grunde im Bette lieber als unverlässliche Staubgeborene.
Und außerdem mag ich es sehr, wenn sie sich neben mir im Bett breitmachen – sie schnarchen nicht, sie verbreiten morgens immer die gleiche gute Laune, benötigen nicht zwingend einen Kaffee, bevor man mit ihnen etwas anfangen kann, und man kann in ihnen tatsächlich lesen wie in einem Buch.