Zu alt für Experimente

Es schreibt mir eine langjährige Freudin, sie sei zu alt für Experimente.
Ich hatte ihr gesagt, dass ich ihr Erfolg wünsche für ihre Kunst. Dass sie von ihrem jetzigen Arbeitsplatz wegkommen möge. Dass ich glaube, dass ihr die Arbeit und die damit verbundenen Umstände nicht gut tun.
“Zu alt für Experimente” – das hätte ich nicht von ihr erwartet – ich habe mein Leben nie als etwas anderes aufgefasst als ein einziges Experiment mit ungewissem Ausgang. Manchmal sieht es dann eben so aus, dass ich abgleite in Umstände, die für andere unerträglich erscheinen, wegen meiner Unmöglichkeit mich in ein durch Normen geregeltes Leben einzufügen – in ein Leben, das ich nicht ertragen kann – in diese eine mich quälende Welt, deren zwanghafte Normalität, das Einfügen in ihre Stumpfsinnigkeiten, nur um den Ritualen der Banalität zu frönen.
Ich hätte gern zwei Leben, wie zwei Häute, die ich mir überstreifen kann. Morgens ziehe ich die Alltagshaut an – und vielleicht tragen ja diese ganzen Büromänner aus genau diesem Grund Anzüge, das sind ihre Arbeitshäute, aber ich befürchte, die Arbeitshaut ist schneller zu ihrer eigenen geworden als ihnen lieb war und jetzt ist sie festgewachsen. Dann wird ein wenig in den Erwartungen der Anderen gelebt und gearbeitet und geliebt und anschliessend hängt man die Alltagshaut wieder in die Dekontaminationskammer. Mit dem Ausziehen verlässt mich jeder Gedanke an eine scheussliche Welt, in der es nur ums Überleben geht, um Karriere, um ein Auskommen, da, wo es um Sinnhaftigkeit gehen sollte. Dann stelle ich mich unter die Dusche und werde wieder zu mir selbst.
Sehe in den Spiegel und nehme wahr was ich für wahr halte.
Die Welt der Täuschung liegt hinter mir, die falschen Versprechungen laufen ins Leere.

Aber was passiert wenn ich mich in dieser Aussen-Welt aufhalte – meinem jeweiligen Götzen nachlaufe, der Wissenschaft oder der Religion, um mich nicht verlassen zu fühlen, um ein einigermaßen stabiles Selbstbild aufbauen zu können ohne zu bemerken, dass der eigentliche Sinn jedes dieser Konzepte darin besteht, mich in einer Welt orientieren und spiegeln zu können, die nur im Aussen immer komplizierter und undurchschaubarer wird? Mit gnadenloser Zuversicht stolpere ich blind in die Zukunft – hoffend auf die Wissenschaft, weil es für mich keinen Gott mehr gibt und die Wissenschaftler alles, was an Katastrophen auf uns zukommen mag, wohl abwenden werden, oder im Glauben an einen Gott oder ein ähnliches, spirituelles Wesen, was vielleicht sogar in uns selbst verborgen liegt, was mich und uns alle retten wird.
Damit es eine Zukunft gibt, nur weil ich verlernt habe im Jetzt zu leben ohne Erwartung, ohne überflüssige Sorgen. Ohne falsche Hoffnung, weil die Verdrängungsmechanismen meiner Vergangenheit so gut funktionieren. Weil ich vergessen habe zu vertrauen und alle Zweifel abzulegen, weil ich Erwartungen habe, denen ich hinterherlaufe. Weil ich immer denke, dass mein Leben schon seinen sinnerfüllten Gang gehen wird, wenn ich mich nur an die Spielregeln halten.
Und so glaube ich mich wohl im Recht – eine Schuldzuweisung jagt die nächste – getrieben von meinen Sehnsüchten und Ängsten vor dem Ausgeliefertsein – vor der Schutzlosigkeit vor allem, was bedrohlich erscheint. Und was mich bedroht, sind eigentlich nur meine eigenen Erwartungen.
Habe ich nie verstanden, was es heißt Mensch zu sein? Nur lieben zu können, weil ich auch hassen kann? Nur vertrauen zu können, weil ich misstrauisch war in den richtigen Momenten? Vorbehaltlos zu sein und alle meine Konzepte über den Haufen zu werfen?

Schweigen

Jetzt steht wieder ein Umzug an – raus aus der ländlichen Stille, die nur unterbrochen wird von Rasen mähenden Nachbarn oder dem Bauern, der das wunderbar duftende frisch gemähte Gras wendet. Jetzt geht es wieder rein in die Großstadt, in ein Zimmer mit Blick auf eine vielbefahrene Straße. Aber was stört mich der Lärm dieser provinziellen Metropole angesichts der Tatsache, dass ich mit meinen naiven Vorstellungen vom Zusammenleben in einer Haus-WG komplett gescheitert bin.
Nicht dass es Streit gegeben hätte – da waren keine Dissonanzen im Raum – wo nichts aufeinanderprallt, kann auch nichts zu klingen beginnen, ob harmonisch oder schrill. Da war nichts – und das deprimiert mich noch viel mehr als Auseinandersetzungen um die Wäsche oder das Essen oder was es da alles gibt an Möglichkeiten sich zu zanken.
Da traf nur Schweigen auf einen Menschen, der reden muss, um nicht zu verhungern.
Und zwischendrin hatte ich mich schon gewundert, warum ich mich nie satt fühle und weshalb ich so friere. Aber von dieser Art Hunger hatte ich noch nie gehört.

Sonntags Lassie

Sonntags, so erzählte mir eine Freundin, Sonntags musste sie mit ihrer älteren Schwester immer Fernsehen gucken. Was sie eigentlich, außer zu bestimmten Zeiten, nicht durfte, war sonntägliches Gebot. Die Mutter wurde laut, wenn ihr Befehl nicht befolgt wurde und noch lauter wenn er befolgt wurde, aber dann erst später, was sie selber auch erst später bemerkte. Es war auch eine andere Art des Laut werdens, des Laut gebens, höher, heller, verzweifelter, aber nicht so wütend. Sie machte ihre Schwester darauf aufmerksam, die es auch schon früher bemerkt hatte, als sich das Bild verstellt hatte am Fernseher und sie um Hilfe bitten wollte. Die Geräusche aus dem Schlafzimmer hielten sie davon ab, das war ihr nicht geheuer. Die Mutter aber kam kurze Zeit später wieder zu ihr, sagte nur, was ist denn mit dem Bild los und schaltete den Fernseher aus. Sie hatte es nicht vergessen, das ungeheuerliche Geräusch, konnte es aber auch nicht einordnen – nachzufragen schien ihr unmöglich – und da auch ihre Schwester keine Antwort wusste, das Schlüsselloch keine klärende Aussicht bot, dauerte es Jahre, bis sie ihrer besten Freundin diese Geräuschkulisse vorspielte und Antworten bekam, die sie so eigentlich nicht hören wollte.
Heute sagte sie, erinnere ich das als schon etwas gruselig, auch irgendwie animalisch, aber als ich später mit meiner eigenen Sexualität befasst war, hat es mich zuerst abgestossen, dass die eigenen Eltern sich so etwas hingaben und dann hat es mich auch auf eine gewisse Art angemacht. Weil es so etwas Verborgenes war, ein heimlicher Vorgang, der mir unheimlich vorkam durch die unbekannten Gräusche und gerade die Kombination des erinnerten Stöhnens mit dem, was ich dann ja auch selber tat, war gut. Sobald sich ein einziges Bild meiner Eltern einmischte, schlug die Erregung in Abscheu und Ekel um. Heute könne sie damit ganz anders umgehen, die Vorstellung, dass ihre Eltern Liebe gemacht hätten am einzigen Tag, an dem der Vater nicht von der Arbeit erschöpft war und dass die Mutter mit Hilfe des Fernsehers dafür gesorgt hatte, dass die Kinder Ruhe gaben und dass ihre Mutter den Geräuschen nach offensichtlich Lust empfunden hätte, würde sie heute glücklich machen. Es wäre im Nachhinein, also jetzt, eine sie tatsächlich glücklich machende Erfahrung und sie würde es als schön empfinden, dass ihre Mutter eine lustvolle Frau gewesen sein. Gesprochen hätten sie nie miteinander über derlei Themen.

Primaten

Sicher ist es die Art, wie Frauen lächeln oder manchmal lauthals lachen, sicher sind es auch ihre Augen, und wie sie mich anschauen, obwohl mir Augen manchmal Angst machen. Blicke ziehen aus, ob es nur die Klamotten sind oder die Seele ist egal. Es schmerzt mich manchmal und beschämt hat es mich oft. Die Blicke von Frauen, die taxieren und fixieren. Irritierenderweise waren es oft Frauen, die mir von den sie ausziehenden Blicken von Männern erzählt haben, von den offensichtlich notgeilen Blicken alter Kerle im Schwimmbad oder in der Sauna, wenn Frau sich entspannen will, es die Blicke der Kerle aber nicht möglich macht.
Zum Beispiel B., mit der ich einige Jahre befreundet war, sehr eng – aber nie intim, bis auf ein Mal Gegrabbel und Geknutsche, weil wir beide bekifft waren. Aber wir haben gerade noch die Kurve gekriegt. Hätten wir miteinander geschlafen, wäre alles vorbei gewesen.
Einmal war ich mit ihr in meiner kleinen Stammsauna – nur kurz, nur für einen Gang, weil es für sie unerträglich war, dass die Männer sie mehr oder weniger unverhohlen anstarrten und auch die Frauen sich anders verhielten als sonst.
Bei meinem nächsten Besuch dort wurde ich gefragt, wer denn das Mädchen in meiner Begleitung gewesen wäre. Und ich antwortete, sie sei meine Freundin, was ja auch stimmte.
In der Hierachie der Primaten stieg ich auf einmal von meiner abseitigen Position auf einen Spitzenplatz auf. Man liess mir den Vortritt, hielt mir die Tür zur Sauna auf, räumte mir bessere Plätze auf den Bänken ein. Die anwesenden Frauen setzten sich auffällig näher an mich heran. Es war beeindruckend wie die Präsenz einer schönen Frau den Wert eines Mannes erhöhen kann ohne dass er überhaupt etwas damit zu tun hat. Das der offensichtliche Zusammenhang zwischen sozialem Status und den entsprechenden Statussymbolen sich auch auf die Schönheit von Menschen bezieht, war mir bis dato in dieser krassen und geradezu plumpen Offensichtlichkeit nicht klar.

Was dich berührt, was dich leise träumen lässt, was dafür sorgt, dass du lächelst, egal, wer dich gerade beobachtet. Dass du nicht zuhörst, wenn deine Gedanken mal wieder ganz woanders sind. Die Liebe, dein Verliebt sein und das schöne Gefühl im Bauch, freier Atmen können und manchmal auch singen wollen.
Und jetzt ist es Realität, ein wenig gelungen oder gar nicht, das ist der Unterschied, aus dem Museum schleichst du dich leise heraus, aus dem Leben nur mit einem Knall.
Und so bist du dir selbst ein Folterknecht – sagst, vielleicht liebt sie mich ja doch, vielleicht sind die Zeichen, die mir Sorge bereiten, doch nur Ausdruck ihrer zarten Liebe und du weisst, dass dich deine Naivität umbringen wird, weil sie dich tritt und du ihr niemals nahe sein wirst, so wie du es dir wünscht.
Und wenn all deine kleinen liebevollen Gedanken zu Horrorvorstellungen geworden sind, wenn aus deiner Liebe Eifersucht wurde, dann schau, es ist alles deine Welt, es hat alles mit dir zu tun und oft doch so gar nichts mit dem dem, was du erleben und schon gar nichts mit dem, was du teilen wolltest.