Die Schublade

Sie stand offen und ich schaute hinein, so oft schon stand sie offen und ich schloss sie nur. Heute aber mal anders, bzw. gestern. Gestern war das ja, also sie stand offen und ich schaute hinein. Was sah ich in der Schublade? Na, Tempo-Tücher und Socken. Eine ungewöhnliche Mischung aus banalen Gegenständen, die eigentlich jeder erwachsene Mensch schon einmal irgendwo gesehen hat, in der Hand eines Menschen oder an seinem Fuß. In der Waschmaschine, der Dreckwäsche oder in der Seitentasche einer Jacke, vor der Nase eines Menschen oder in einem Papierkorb. Aber hier also in der Schublade einer hölzernen Kommode, halb herausgezogen, die Packung ungeöffnet, die Socken noch ineinandergesteckt, wie das die findige Hausfrau so macht, wenn sie die Socken zusammensucht. Irgendein windiger Farbton zwischen grün und blau, verwaschen, schon länger im Gebrauch, irgendwie sieht man das ja doch an der Art wie die Fäden nicht mehr so ganz astrein aneinanderliegen, sondern schon ein bisschen miteinander verknäuelt, selbst wenn man kein Mikroskop benutzt.
Aber welcher Mensch steckt Socken und Papiertaschentücher zusammen in eine Schublade? Wie ist so ein Mensch drauf? Welche Art von Filmen schaut er? Und hat er Abitur? Obwohl – heute hat ja jeder Abitur. Ich glaube, dass dieses scheinbar zufällige Zusammenbringen von Nase und Fuss etwas mit einer heimlichen Obsession zu hat. Da ist jemand noch nicht wirklich bereit,
sein Innerstes nach Außen zu kehren – deshalb die Schublade. Aber dieser öffnet sich schon ein wenig seinen Mitmenschen, wirbt um Verständnis, ganz sensibel, ganz fein. Schüchtern könnte man das nennen – oder eben auch hochsensibel. Ich halte mal fest: da steckt ein sogenannter Hochsensibler Socken und Papiertaschentücher in eine Schublade um Verständnis zu wecken für seine vielleicht etwas vertrackte Art Füße und Nase zusammenzubringen – und wer weiß – es mag auch was Sexuelles sein, da hört man ja so einiges. Aber seis drum, und er erwartet vielleicht jetzt Verständnis – muss aber nicht sein – Donnerschlag, da fällt mir was ganz anderes ein. Ich hatte mal einen Kumpel, dem seine Mutter eine Großpackung Papiertaschentücher auf sein Nachttischchen gelegt hatte, nachdem sie es leid war seine vollgewich… Strümpfe zu waschen. Kommentarlos – aber was will man seinen pubertierenden Söhnen auch in so einer Situation sagen – Superpeinlich. Auf jeden Fall hab ich es jetzt glaub ich, hier wohnt ein Mann, der auch so ein Erlebnis in seiner Jugend hatte und jetzt das ganze mal so richtig aufarbeiten möchte. Ob ihm das so gelingen wird? Na ich weiß ja nicht, da hab ich so meine Zweifel. Wessen Wohnung ist das eigentlich und was mache ich hier?