Schweigen

Jetzt steht wieder ein Umzug an – raus aus der ländlichen Stille, die nur unterbrochen wird von Rasen mähenden Nachbarn oder dem Bauern, der das wunderbar duftende frisch gemähte Gras wendet. Jetzt geht es wieder rein in die Großstadt, in ein Zimmer mit Blick auf eine vielbefahrene Straße. Aber was stört mich der Lärm dieser provinziellen Metropole angesichts der Tatsache, dass ich mit meinen naiven Vorstellungen vom Zusammenleben in einer Haus-WG komplett gescheitert bin.
Nicht dass es Streit gegeben hätte – da waren keine Dissonanzen im Raum – wo nichts aufeinanderprallt, kann auch nichts zu klingen beginnen, ob harmonisch oder schrill. Da war nichts – und das deprimiert mich noch viel mehr als Auseinandersetzungen um die Wäsche oder das Essen oder was es da alles gibt an Möglichkeiten sich zu zanken.
Da traf nur Schweigen auf einen Menschen, der reden muss, um nicht zu verhungern.
Und zwischendrin hatte ich mich schon gewundert, warum ich mich nie satt fühle und weshalb ich so friere. Aber von dieser Art Hunger hatte ich noch nie gehört.

schweigen

Wir waren liebevolle Extremisten, mit falschen Konzepten und verqueren Ideen. Immer wieder haben wir uns an eine Grenze geführt. Es war zwar unsere – nur war es leider immer die Grenze zwischen uns. Nie standen wir alles überwindend nebeneinander – nur zu oft gegenüber – scheiternd – an uns und unseren Erwartungen. Wie konnten wir uns da erreichen?
Warum handelten wir so gegen alles Fühlen, obwohl wir meinten, Gleiches zu fühlen? War alles nur eine Illusion? Die gewisse Art zu denken, zu teilen – waren das falsche Vermutungen, irrelevante Annahmen, fehlgeleitete Schlüsse?
Was ist wahr, was ist falsch, was soll ich jetzt damit tun?
Du bist hinterhältig, sage ich und dass, was du tust und so wie du mit mir redest, so will ich nicht, dass man mit mir redet, so will ich nicht behandelt werden und ich selber störe mich schon an diesem Wort, als ich es ausspreche – behandelt.
Handlung, handeln, behandeln, verhandeln, aushandeln, aber was wird ausgehandelt, was oder wer wird behandelt, wer ist der Behandelnde stelle ich mir als Frage,  was soll ich jetzt denken, behandelt werden will ich nicht, und so schon gar nicht.
Und schon schleichen sich wieder die Zweifel ein. Bin ich meiner Unfähigkeit mich auszudrücken hilflos ausgesetzt? Bin ich verdammt, dumme Gedanken zu denken, weil mir die Worte fehlen? Das ist ein mehr als schrecklicher Gedanke und mir wird unwohl – schon wieder. Unwohlsein – auch so ein komplettes Scheißwort. Nicht behandelbares Unwohlsein.
Wie einfach ist das, wenn man sich einen leckeren Kaffee macht, einen Espresso aus so einer kleinen Alukanne, wie lecker und wie einfach, man muss sich nur ein wenig gedulden, dann kann man einen leckeren Kaffee trinken, einen Espresso.
Und dann lässt vielleicht auch das Unwohlsein nach, wenn Worte sich festsetzen – ungeheuer mich beschämende Worte, die mir wehtun, weil sie falsch sind und weil sie dich nicht erreichen. Unwohlsein – Scheiße.
Du antwortest nicht, so wie du nie antwortest und ich denke, wie kann man nicht antworten auf so einen Vorwurf, vielleicht muss ich dir mehr Zeit geben, vielleicht quäle ich dich auch nur und du bist verzweifelt, vielleicht denke und fühle ich auch nur falsch, ich Falschfühler, ich ungelenker unbedachter Falschfühler.
Du schweigst, ich mache dir Vorwürfe. Du schweigst zu Recht. Du bist im Recht, rechthaberisch warst du ja schon immer, sag endlich was, lass dich aus. Kotz mich an – heule – tu was, egal was. Lass mich hier nicht stehen ohne Vorwurf, ohne Reue, ohne Schläge aus deinem Mund. So erreiche ich dich nicht und ich ahne, dass nicht nur der Ton nicht stimmt. Das Fremde haben wir immer zwischen uns gehabt. Und das Schweigen war auch immer ein Instrument, auf dem wir beide hervorragend gespielt haben. Aber aus welchen Ländern kommen wir, dass wir uns nicht verstehen?
Welche Sprache sprechen wir? Wie kann es sein, dass, wenn die Dinge zur Sprache kommen, es leise wird im Zimmer?
Und warum wird das Schweigen mir jetzt zu laut?
Sag mir nur, warum wir uns liebten, und wenn wir uns liebten, dann so, dass wir es nie für wahr halten konnten, wie ein heimliches Streicheln zwischen heimlichen Geliebten im Dunklen, wie hastiges und unwirkliches Beisammensein – jeder für sich, neben- aber nie miteinander. Wie grausam waren wir zueinander, sag mir doch nur warum. Wie konnte das geschehen?