Gedanken anlässlich C.s Beerdigung

Letzten Freitag war C.s Beerdigung, zu der ich nicht gegangen bin, weil ich keinen Bock hatte. Warum sollte ich einem Kadaver die letzte Ehre erweisen?
Das hört sich vielleicht verächtlich an, aber was da in die Erde kam, hatten die meisten sich im letzten Jahr, während C. im Hospiz war, nicht anschauen wollen. Jetzt am Grab zu stehen und zu trauern, hätte mich wahrscheinlich zum Kotzen gebracht. Da ich aber wusste, dass man nach mir fragen würde, weil bekannt war, dass ich in C.s letztem Jahr alle zwei, drei Tage bei ihr war, hatte ich A., der Mutter meiner Kinder, einige Instruktionen gegeben, was sie auf die Nachfragen antworten sollte. Nicht das ich denke, dass ich mich hätte rechtfertigen müssen, aber A. bat mich darum und um ihr solide Peinlichkeit zu ersparen, antwortete ich, sie solle sagen, dass ich mich schon im letzten Jahr von Christa verabschiedet hätte und das dieses Jahr ein verdammt langer Abschied gewesen sei. Ok, verdammt, habe ich gesagt, solle sie doch lieber nicht sagen.  Sie wurde natürlich gefragt und sie antwortete. Mein Vetter meinte darauf nur, dafür hätte mich B., seine Schwester, also meine Cousine, immer geliebt, gerade für diese unkonventionelle Sichtweise. Diese ganz spezielle Sicht auf die Dinge. Als A. mir das einige Tage später erzählte, war ich verblüfft, hatte ich doch keinen Kontakt mehr zu meiner Cousine, seit ich dreizehn Jahre alt war.
Wie war ich also als Dreizehnjähriger? Speziell sicher, uninteressiert an Lügen, auf der Suche nach Wahrheiten. Neugierig auf das Leben wie jeder Dreizehnjährige, aber uninteressiert an Erfahrungen, ein Beobachter, ein Gast. Mir waren die Sterne immer näher als die Menschen. Ich war oft einsam, aber nie allein.
  Wie bin ich jetzt? Habe ich mich tatsächlich grundlegend verändert? Die Antwort lautet nein – ich fasse es selber kaum, aber es scheint tatsächlich so zu sein. 
Fast vierzig Jahre sind vergangen. Ich habe Erfahrungen gesammelt, das ließ sich wohl nicht vermeiden, aber habe ich daraus gelernt? Hat sich deswegen meine Sicht auf die Menschen und die Welt verändert? Beziehungen, Freundschaften, Affären, Partnerschaften – Kinder, die daraus entstanden sind. Reisen und Städte, 
Selbständigkeit und Konkurs, Gewalt und Lust, Verlust und Tod. Alles dabei – war ich dabei?
Im Abstand erscheint mir vieles davon wie eine Erscheinung – wie ein Spiel, bei dem ich nur Beobachter war, einiges verfolgt mich noch heute in Träumen. Und – habe ich mich deswegen geändert?
Bin ich noch der Junge, der ich vor mehr als einem Vierteljahrhundert war?
Wenn ich in den Spiegel schaue, sehe ich mein Alter, es ist brutal, die Falten, die hängenden Wangen, die Glatze und die Tränensäcke. Ich sehe kaum noch den scheuen Jungen, der ich war. Aber wenn ich mir tief in die Augen schaue, sehe ich darin das Leuchten, weil alles spannend ist, bloß weil es geschieht. Ich sehe den Träumer, der ich geblieben bin – auch den Looser, der wie Kleist zum Abschied sagen könnte: Die Wahrheit ist, dass mir auf Erden nicht zu helfen war. Aber ich bin nicht Kleist – mein Scheitern war immer Neuanfang, immer Beginn von etwas, was mich neugierig gemacht hat auf die Möglichkeiten, die hinter dem Absturz liegen, die danach kommen.
So kann ich locker den Untergang zu einer weiteren Lebensroutine erklären und damit lachend leben. Wahrscheinlich mag man mich sogar wegen meines skurrilen Humors, der letztlich immer aus meinem Wissen um die Möglichkeit des plötzlichen Zusammenbruchs  entstanden ist. Und manchmal finde ich das sogar ziemlich cool, wenn ich all die Absurditäten um mich herum sehe, die man das Leben nennt oder eben auch das Sterben.