Genazino

Ich las in einem Roman von Wilhelm Genazino über das Leben eines Angestellten, der sich seinem Therapeuten gegenüber äußert und von seinem Vater erzählt.
Dieses Bild war derart präzise gezeichnet, daß ich die Schublade, das Lineal und das alte hart gewordene Radiergummi geradezu riechen konnte – und ebenso die Verzweiflung meines eigenen Vaters, die im Laufe der Jahre, die er sitzend an seinem Schreibtisch im Wohnzimmer verbracht hatte, in stille Stumpfheit übergegangen war. Wie er peinlich genau die Packung mit den Heftklammern aneinander reihte, das Lineal im Abstand von einem Zentimeter daneben plaziert und den Block mit den Zetteln seitlich davon gelegt hatte. Er pulte erst die Reste Papier aus der metallenen Spirale des Blockes, warf sie mit Bedacht, wozu er den Papierkorb mit dem Fuß heranzog, in eben diesen hinein und legte den Block neben das Lineal. Das alles deprimierte mich über die Maßen, kannte ich doch meinen Vater als eine lebendigen und gewandten Mann, der sich wenig um Kleinigkeiten scherte. Jetzt schien er geradezu aufzugehen in dieser meditativ anmutenden aber komplett sinnlosen Tätigkeit.
So hielt ich es nicht lange bei meinen Eltern aus. Alles war mir zuwider, nicht zuletzt dank der russischen Putzfrau, der es, trotz einer ihr offenbar angeborenen Grobmotorik, glänzend gelang, die Wohnung wenigstens sauber und geordnet anmutend nach ihren Aktivitäten zurückzulassen.
Diese konstruierte Ordnung rief in mir gleich das Bild der guten Stube hervor, wie ich es als Kind auf dem Bauernhof meines Großvaters erlebt hatte, sehr aufgeräumt, mit gebügelten Deckchen und Schonbezügen, fast immer abgeschlossen und eiskalt wie ein Kühlraum, der diesen Zweck tatsächlich erfüllte als mein Großvater gestorben und auf dem Bett liegend aufgebahrt war.
Hermetisch und klinisch, kalt und unbewohnbar. Dies hingegen war die bürgerliche Variante, beheizt und trotzdem nicht weniger bewohnbar. Ein Aufenthaltsraum, der in mir Lähmungserscheinungen hervorrief, eine grundlegend gereizte Stimmung und ein Gefühl des Ausgeliefertseins.

Trauer, Schnee und Stille

Ich war heute Morgen nach langer Zeit mal wieder unten in der Wohnung meines Vaters. Es ist sein Haus, in dem ich jetzt noch lebe – er selber starb vor einem Jahr. Es ist alles noch genau so wie an dem Tag, an dem ihn die Rettungssanitäter ins Krankenhaus gebracht haben. Exakt vor einem Jahr ist er gestorben und ich war zu der Zeit in Tübingen, einer Freundin beim Umzug helfen. Als ich aufstand, hatte ich einen Anruf auf dem Handy, eine Nummer, die ich nicht kannte – aber aus meiner Heimatstadt.
Ich wusste gleich was los war, mein Vater lag schon drei Wochen im Krankenhaus und sein Zustand wurde täglich schlechter. Er hatte Phantasien vom Krieg und fürchtete um sich und das Leben seiner Lebensgefährtin, die ihn regelmäßig besucht hatte. »Pass auf, sie wollen uns erschießen!« Albtraumhafte Phantasien – schrecklich, dass ihn der Krieg, über den er nur sehr wenig, episodenhaft und beschwichtigend erzählt hatte, jetzt einholte.
Ich drückte die Wahlwiederholtaste und eine junge Frau meldete sich. Es war eine Schwester, die auf der Station arbeitete. Ich sagte ihr meinen Namen und sie schwieg. »Ich hatte die Nummer auf meinem Handy. Es geht bestimmt um meinen Vater – er ist tot, nicht wahr?« »Ja«, sagte sie leise und ich antwortete, dass es bestimmt schlimm für sie sei – ihre Stimme klang so jung. »Ja«, antwortete sie, »ich arbeite erst seit kurzem hier.« »Menschen sterben«, sagte ich nur. »Mein Vater war ein Netter, es ist gut, dass er sich nicht lange quälen musste«. Ich war selbst erstaunt, dass ich so cool war, aber sie tat mir einfach leid, für sie war die Situation wahrscheinlich unangenehmer als für mich.
Es hatte in der Nacht angefangen zu schneien und die Straßen und Wege waren weiß.
Ich ging nach draußen – meine Freundin lag noch im Bett und ich wollte ein wenig in der weißen Stille nachdenken. Das französische Viertel in Tübingen ist wirklich nett. Alternativ mit einer bestimmten Art von Bebauung, weiß der Teufel, ich hab vergessen, wie das heißt. Was für Gedanken einem in so einer Situation durch den Kopf gehen – absurd.
Die Trauer ließ mich frieren, vielleicht war es auch die Kälte – ich weinte ein wenig, aber es kam mir nicht wie ein Gefühl vor, eher wie eine körperliche Reaktion.
So fühlt man sich, wenn man niemandes Kind mehr ist?
Leer – befreit? Haltlos? Erwachsen? Verloren?
Ich kann es heute nicht mehr sagen, zu viele nicht zu sagende Gedanken, eigentlich auch zu wenige. Jetzt, nach einem Jahr, versuche ich mich zu erinnern und mir fällt nur der Schnee ein und die Kälte.

Gedanken anlässlich C.s Beerdigung

Letzten Freitag war C.s Beerdigung, zu der ich nicht gegangen bin, weil ich keinen Bock hatte. Warum sollte ich einem Kadaver die letzte Ehre erweisen?
Das hört sich vielleicht verächtlich an, aber was da in die Erde kam, hatten die meisten sich im letzten Jahr, während C. im Hospiz war, nicht anschauen wollen. Jetzt am Grab zu stehen und zu trauern, hätte mich wahrscheinlich zum Kotzen gebracht. Da ich aber wusste, dass man nach mir fragen würde, weil bekannt war, dass ich in C.s letztem Jahr alle zwei, drei Tage bei ihr war, hatte ich A., der Mutter meiner Kinder, einige Instruktionen gegeben, was sie auf die Nachfragen antworten sollte. Nicht das ich denke, dass ich mich hätte rechtfertigen müssen, aber A. bat mich darum und um ihr solide Peinlichkeit zu ersparen, antwortete ich, sie solle sagen, dass ich mich schon im letzten Jahr von Christa verabschiedet hätte und das dieses Jahr ein verdammt langer Abschied gewesen sei. Ok, verdammt, habe ich gesagt, solle sie doch lieber nicht sagen.  Sie wurde natürlich gefragt und sie antwortete. Mein Vetter meinte darauf nur, dafür hätte mich B., seine Schwester, also meine Cousine, immer geliebt, gerade für diese unkonventionelle Sichtweise. Diese ganz spezielle Sicht auf die Dinge. Als A. mir das einige Tage später erzählte, war ich verblüfft, hatte ich doch keinen Kontakt mehr zu meiner Cousine, seit ich dreizehn Jahre alt war.
Wie war ich also als Dreizehnjähriger? Speziell sicher, uninteressiert an Lügen, auf der Suche nach Wahrheiten. Neugierig auf das Leben wie jeder Dreizehnjährige, aber uninteressiert an Erfahrungen, ein Beobachter, ein Gast. Mir waren die Sterne immer näher als die Menschen. Ich war oft einsam, aber nie allein.
  Wie bin ich jetzt? Habe ich mich tatsächlich grundlegend verändert? Die Antwort lautet nein – ich fasse es selber kaum, aber es scheint tatsächlich so zu sein. 
Fast vierzig Jahre sind vergangen. Ich habe Erfahrungen gesammelt, das ließ sich wohl nicht vermeiden, aber habe ich daraus gelernt? Hat sich deswegen meine Sicht auf die Menschen und die Welt verändert? Beziehungen, Freundschaften, Affären, Partnerschaften – Kinder, die daraus entstanden sind. Reisen und Städte, 
Selbständigkeit und Konkurs, Gewalt und Lust, Verlust und Tod. Alles dabei – war ich dabei?
Im Abstand erscheint mir vieles davon wie eine Erscheinung – wie ein Spiel, bei dem ich nur Beobachter war, einiges verfolgt mich noch heute in Träumen. Und – habe ich mich deswegen geändert?
Bin ich noch der Junge, der ich vor mehr als einem Vierteljahrhundert war?
Wenn ich in den Spiegel schaue, sehe ich mein Alter, es ist brutal, die Falten, die hängenden Wangen, die Glatze und die Tränensäcke. Ich sehe kaum noch den scheuen Jungen, der ich war. Aber wenn ich mir tief in die Augen schaue, sehe ich darin das Leuchten, weil alles spannend ist, bloß weil es geschieht. Ich sehe den Träumer, der ich geblieben bin – auch den Looser, der wie Kleist zum Abschied sagen könnte: Die Wahrheit ist, dass mir auf Erden nicht zu helfen war. Aber ich bin nicht Kleist – mein Scheitern war immer Neuanfang, immer Beginn von etwas, was mich neugierig gemacht hat auf die Möglichkeiten, die hinter dem Absturz liegen, die danach kommen.
So kann ich locker den Untergang zu einer weiteren Lebensroutine erklären und damit lachend leben. Wahrscheinlich mag man mich sogar wegen meines skurrilen Humors, der letztlich immer aus meinem Wissen um die Möglichkeit des plötzlichen Zusammenbruchs  entstanden ist. Und manchmal finde ich das sogar ziemlich cool, wenn ich all die Absurditäten um mich herum sehe, die man das Leben nennt oder eben auch das Sterben.