Trauer, Schnee und Stille

mindbuilding:

Ich war heute Morgen nach langer Zeit mal wieder unten in der Wohnung meines Vaters. Es ist sein Haus, in dem ich jetzt noch lebe – er selber starb vor einem Jahr. Es ist alles noch genau so wie an dem Tag, an dem ihn die Rettungssanitäter ins Krankenhaus gebracht haben. Exakt vor einem Jahr ist er gestorben und ich war zu der Zeit in Tübingen, einer Freundin beim Umzug helfen. Als ich aufstand, hatte ich einen Anruf auf dem Handy, eine Nummer, die ich nicht kannte – aber aus meiner Heimatstadt.
Ich wusste gleich was los war, mein Vater lag schon drei Wochen im Krankenhaus und sein Zustand wurde täglich schlechter. Er hatte Phantasien vom Krieg und fürchtete um sich und das Leben seiner Lebensgefährtin, die ihn regelmäßig besucht hatte. »Pass auf, sie wollen uns erschießen!« Albtraumhafte Phantasien – schrecklich, dass ihn der Krieg, über den er nur sehr wenig, episodenhaft und beschwichtigend erzählt hatte, jetzt einholte.
Ich drückte die Wahlwiederholtaste und eine junge Frau meldete sich. Es war eine Schwester, die auf der Station arbeitete. Ich sagte ihr meinen Namen und sie schwieg. »Ich hatte die Nummer auf meinem Handy. Es geht bestimmt um meinen Vater – er ist tot, nicht wahr?« »Ja«, sagte sie leise und ich antwortete, dass es bestimmt schlimm für sie sei – ihre Stimme klang so jung. »Ja«, antwortete sie, »ich arbeite erst seit kurzem hier.« »Menschen sterben«, sagte ich nur. »Mein Vater war ein Netter, es ist gut, dass er sich nicht lange quälen musste«. Ich war selbst erstaunt, dass ich so cool war, aber sie tat mir einfach leid, für sie war die Situation wahrscheinlich unangenehmer als für mich.
Es hatte in der Nacht angefangen zu schneien und die Straßen und Wege waren weiß.
Ich ging nach draußen – meine Freundin lag noch im Bett und ich wollte ein wenig in der weißen Stille nachdenken. Das französische Viertel in Tübingen ist wirklich nett. Alternativ mit einer bestimmten Art von Bebauung, weiß der Teufel, ich hab vergessen, wie das heißt. Was für Gedanken einem in so einer Situation durch den Kopf gehen – absurd.
Die Trauer ließ mich frieren, vielleicht war es auch die Kälte – ich weinte ein wenig, aber es kam mir nicht wie ein Gefühl vor, eher wie eine körperliche Reaktion.
So fühlt man sich, wenn man niemandes Kind mehr ist?
Leer – befreit? Haltlos? Erwachsen? Verloren?
Ich kann es heute nicht mehr sagen, zu viele nicht zu sagende Gedanken, eigentlich auch zu wenige. Jetzt, nach einem Jahr, versuche ich mich zu erinnern und mir fällt nur der Schnee ein und die Kälte.

lautlos – sprachlos

Sie selber kam gedanklich immer weiter vom Wege ab. Was hatte sie zu entgegnen gehabt? Nichts weiter als ein leiser Widerspruch – ein zögerliches Ich weiss ja nicht – was hätte ihn da gehindert? Nichts – er wusste ja alles, er wusste wie, er wusste warum. Ihrs war das eben nie, diese Gewissheit, dieses ganz bestimmte Etwas, die Siegesgewissheit egal in welchen Dingen, in allen halt, wenn sie nur wusste, dass sie lieber den Mund halten sollte, wenn Schweigen angesagt war, wenn hinter den Worten die Taten lauerten.
Wenn ein Amen kein Sakrileg mehr war, sondern eine Zuflucht – all die Worte, die vergeblich waren, die sie nie gesprochen hatte, weil es irgendwann ein lautloses Anklagen war, da hatte sie ihre Stimme längst verloren an das Kind in ihr. Und das schwieg lange dann nach außen wo die Ohren der Anderen lauerten und nicht zuhörten sondern belauschten.