Haftende Erinnerung 1

In kurzen Hosen im Wald spielend mit Freunden. Ein offensichtlich krankes Kaninchen, das mit verklebten Augen, blind und voller Panik zu fliehen versucht und dabei immer wieder frontal gegen die Stämme der Tannen läuft. Ganz blutig ist es und entsetzlich stumm. Als der Älteste bin ich schnell auserkoren es einzufangen – in eine Tüte zu stecken und mit einem dicken Ast zu erschlagen.
Ausgerechnet ich, der ich empfindlich war gegen Brutalitäten jeder Art und der es kaum ertragen konnte, wenn eines der Haustiere in der Nachbarschaft schlecht behandelt wurde und Schläge sah ich nicht selten damals.
Ich tat es nur deshalb, weil die anderen Kinder noch verstörter waren als ich und weil das Tier so schrecklich litt, wie ich noch nie ein Tier hatte leiden sehen. Dass es dabei keinen Laut von sich gab, steigerte das Grauen auf eine groteske Weise – wie Folterszenen in einem Film, bei dem man den Ton weggedreht hat, weil man die Schreie nicht ertragen kann.
Die dann aber umso lauter in den Ohren gellen, wenn man des Nachts unberuhigt im Bett liegt, weil man sich aus einem Schuldgefühl heraus nicht getraut hat, jemandem seine Not anzuvertrauen. Das Urteil spreche ich selbst – ich bin schuldig. Ich habe getötet.

Die pissende Kuh oder Betrachtungen zur Kindheit

Der kühle Morgen und der dampfende, phänomenal volle Strahl einer pissenden Kuh. Wippende Bachstelzen und ein ganzer Strauch voll mit winzigen hellgrün strahlenden Laubfröschen.
Der spriessende Busen meiner Cousine und ihr Lachen, als sie sieht, dass ich ihn errötend betrachte. Ihre Frechheit, mich zu fragen, ob er mir gefällt und unser befreites Lachen, weil er mir gefällt.
Wie grauenhaft weit mein Leben auf einmal von alldem entfernt ist – und das Leben meiner Kinder.  Als wir früher einmal Heiligabend bei Freunden zu Besuch waren und wir uns draussen auf dem Hof nach dem Kirchgang trafen – da fielen dicke Schneeflocken vom Himmel und Linus, der damals drei oder vier Jahre alt gewesen sein mag, hob seine Hände zum Himmel und fragte erstaunt mit leiser Stimme: Was ist das?
Wie still alles war und wie bezaubernd dieser Augenblick voller Magie.
Jetzt ist er 16 und fast zwei Meter groß. Er spielt World of Warcraft – in einer Rolle ist er ein Magier und ich frage mich, wie dieser virtuelle Hokuspokus die Magie der Natur so vollkommen ablösen konnte. Ob es am Alter liegt oder am älter werden, ob die Sicht auf die Welt sich verändert mit der Zeit? Ob wir großartige Erfahrungen sammeln und diese dann nur durch die Wiederholung zu Banalitäten werden?
Oder ob es einfach diese Gelegenheit gibt sich gefahrlos seinen Allmachtsphantasien hinzugeben – die Welt nicht wirklich zu er-leben, sondern sich  in eine programmierte Welt zu begeben, die keine Um-Welt ist, sondern ein sondierter Quark, der keine Risiken birgt außer der, das die Salzstangen aus der Tüte fallen.
Aber ich werde gemein – es ist halt seine Welt. Und ich bin ziemlich erfolglos bei diesen Spielen – meistens werde ich schneller umgebracht als ich gucken kann, weil ich halt auch blind bin wie eine Natter 😉

Schweigen

Jetzt steht wieder ein Umzug an – raus aus der ländlichen Stille, die nur unterbrochen wird von Rasen mähenden Nachbarn oder dem Bauern, der das wunderbar duftende frisch gemähte Gras wendet. Jetzt geht es wieder rein in die Großstadt, in ein Zimmer mit Blick auf eine vielbefahrene Straße. Aber was stört mich der Lärm dieser provinziellen Metropole angesichts der Tatsache, dass ich mit meinen naiven Vorstellungen vom Zusammenleben in einer Haus-WG komplett gescheitert bin.
Nicht dass es Streit gegeben hätte – da waren keine Dissonanzen im Raum – wo nichts aufeinanderprallt, kann auch nichts zu klingen beginnen, ob harmonisch oder schrill. Da war nichts – und das deprimiert mich noch viel mehr als Auseinandersetzungen um die Wäsche oder das Essen oder was es da alles gibt an Möglichkeiten sich zu zanken.
Da traf nur Schweigen auf einen Menschen, der reden muss, um nicht zu verhungern.
Und zwischendrin hatte ich mich schon gewundert, warum ich mich nie satt fühle und weshalb ich so friere. Aber von dieser Art Hunger hatte ich noch nie gehört.

Lilli

Lilli ist tot – sie wurde vorgestern eingeschläfert. Sie hatte Dackellähmung und konnte nicht mehr laufen – sich nicht mehr bewegen. Eine Dackellähmung ist eine Art Bandscheibenvorfall, der meist kleine Hunde betrifft und auch nur manche Rassen. Der Tierarzt meinte, sie müsse operiert werden. Dann wurde gerechnet – 2500 Euro für die Operation mit einer 50%igen Heilungschance und anschließendes zweistündiges tägliches Training über Monate.
Das waren die Fakten. Für einen Menschen würde man nicht rechnen. Aber im Gegensatz zu einem Menschen muss das Tier sterben, weil man nicht die Zeit hat, sich zu kümmern und nicht das Geld für eine kostspielige Operation. Das sind die Fakten und das ist die bittere Wahrheit. Sie war nicht mein Hund, man wollte sich bei mir nur die letzliche Bestätigung dafür holen, dass es besser sei, den Hund einzuschläfern.
Was sollte ich da sagen? Das Hunde fühlende Wesen sind wie Menschen – dass sie die Buddhanatur haben wie alle fühlenden Wesen? Dass es nicht angeht, ein Wesen mit Buddhanatur zu töten?
Oder das es besser sei, ein Tier, wenn es leidet, von seinem Leiden zu erlösen.
Ich habe mich für die zweite Variante entschieden – es ist schließlich mein Glaube, es sind meine Konzepte – und dazu geraten sie einschläfern zu lassen.
Mein Rücken ist breit, habe ich gedacht, besser ich rate dazu und entlaste wenigstens das Frauchen mit meinem Rat – nehme ihr ein wenig ihrer Verantwortung ab, wenn das geht. Das würde ihr die Entscheidung leichter machen.
Weil ich eben weiß, daß kein Geld und keine Zeit da sind und letzten Endes viel Quälerei auf allen Seiten niemanden glücklich gemacht hätte.
Denn da sind ja noch die Fakten. Die unerträglichen Zahlen – drohende Rechnungen – Zeit, die man nicht hat und die man investieren muss in eine Therapie, deren Erfolg nicht absehbar ist.
Ich hatte Lilli am Abend vorher noch ins Haus getragen, sie war so am Zittern und wimmerte leise. Da hatte ich schon kein gutes Gefühl und habe ihr noch ein paar Mantren unter ihre Schlappohren geflüstert, um ihr zu helfen. Am nächsten Tag kam dann der Anruf mit der Diagnose und die Frage, was man tun solle.
Und zwei Stunden später eine SMS, dass sie eingeschläfert worden war. Jetzt hoffe ich, dass die Mantren ihr zu einer besseren Wiedergeburt verhelfen. Aber das ist auch nur mein Glaube, meine Konzepte – und ich fühle mich so traurig und Scheiße wie lange nicht mehr – und das trotz meiner Buddhanatur.

Bilder

Kennst du das Gefühl, in einer Kunstausstellung vor einem Bild zu stehen, daß dich magisch anzieht und zu dem du immer wieder zurückgehst, weil es dich nicht loslässt?
Sehr schnell verschwindet alles ringsherum hinter einer Mauer aus Stille, als würde sich die Welt im Raum auflösen – nur das Bild bleibt und hinterlässt eine sonderbare Tiefe und Ruhe. So fühlt sich für mich Glück an – und so geht es mir, wenn ich vor dir stehe.

Genazino

Ich las in einem Roman von Wilhelm Genazino über das Leben eines Angestellten, der sich seinem Therapeuten gegenüber äußert und von seinem Vater erzählt.
Dieses Bild war derart präzise gezeichnet, daß ich die Schublade, das Lineal und das alte hart gewordene Radiergummi geradezu riechen konnte – und ebenso die Verzweiflung meines eigenen Vaters, die im Laufe der Jahre, die er sitzend an seinem Schreibtisch im Wohnzimmer verbracht hatte, in stille Stumpfheit übergegangen war. Wie er peinlich genau die Packung mit den Heftklammern aneinander reihte, das Lineal im Abstand von einem Zentimeter daneben plaziert und den Block mit den Zetteln seitlich davon gelegt hatte. Er pulte erst die Reste Papier aus der metallenen Spirale des Blockes, warf sie mit Bedacht, wozu er den Papierkorb mit dem Fuß heranzog, in eben diesen hinein und legte den Block neben das Lineal. Das alles deprimierte mich über die Maßen, kannte ich doch meinen Vater als eine lebendigen und gewandten Mann, der sich wenig um Kleinigkeiten scherte. Jetzt schien er geradezu aufzugehen in dieser meditativ anmutenden aber komplett sinnlosen Tätigkeit.
So hielt ich es nicht lange bei meinen Eltern aus. Alles war mir zuwider, nicht zuletzt dank der russischen Putzfrau, der es, trotz einer ihr offenbar angeborenen Grobmotorik, glänzend gelang, die Wohnung wenigstens sauber und geordnet anmutend nach ihren Aktivitäten zurückzulassen.
Diese konstruierte Ordnung rief in mir gleich das Bild der guten Stube hervor, wie ich es als Kind auf dem Bauernhof meines Großvaters erlebt hatte, sehr aufgeräumt, mit gebügelten Deckchen und Schonbezügen, fast immer abgeschlossen und eiskalt wie ein Kühlraum, der diesen Zweck tatsächlich erfüllte als mein Großvater gestorben und auf dem Bett liegend aufgebahrt war.
Hermetisch und klinisch, kalt und unbewohnbar. Dies hingegen war die bürgerliche Variante, beheizt und trotzdem nicht weniger bewohnbar. Ein Aufenthaltsraum, der in mir Lähmungserscheinungen hervorrief, eine grundlegend gereizte Stimmung und ein Gefühl des Ausgeliefertseins.

Grenzen

Was ist das für ein gemeinsames Karma, dass man sich begegnet und sich nicht wirklich gut tut, nicht wirklich nützt, sondern nur immer Grenzen aufzeigt, Schmerzensgrenzen, Lustgrenzen, Schnitte im eigenen Fleisch, wenn kein Ich mehr vorhanden ist, nur noch Verletzung der eigenen Grenzen und man sich nicht verlieren kann in diesen doch in Wahrheit sehr nahen Gefilden. Wenn du verloren gehst in deiner eigenen Wüste, deinen Bedürfnissen nach Nähe, die nie erfüllt wurden, nicht einmal von dir selbst. Wenn da nichts war als Schmerz in den Worten, die auf dich einprasselten und wenn du etwas sagtest, antwortete dein Gegenüber nicht – er war gar nicht anwesend, nur in seinem eigenen Film und versuchte sich darzustellen mit seinen ihm wichtigen Bedürfnissen, die nur seine eigenen alten Erfahrungen und Verletzungen wiederspiegeln und wiederholen. Und jetzt ist es für ihn wichtig, dass er ganz bei sich ist und kein Opfer und jetzt hörst du ihm zu und du merkst, er redet eh die ganze Zeit nur von sich selbst und seinen unbefriedigten Bedürfnissen, seinem verletzten Stolz, seiner stoischen Art, die gar keine ist, sondern nur eine ungeduldige, fordernde und verletzende Weise zu sein. Was dir fehlt ist die Präsenz, das Aufgehen im Jetzt und im Anderen. Das ist es, was du dir wünscht, kein Verschmelzen, sondern ein Miteinander, in dem man sich wiederfinden kann im Anderen, wenn man sich selbst so ganz und gar verloren geht.

Sonntags Lassie

Sonntags, so erzählte mir eine Freundin, Sonntags musste sie mit ihrer älteren Schwester immer Fernsehen gucken. Was sie eigentlich, außer zu bestimmten Zeiten, nicht durfte, war sonntägliches Gebot. Die Mutter wurde laut, wenn ihr Befehl nicht befolgt wurde und noch lauter wenn er befolgt wurde, aber dann erst später, was sie selber auch erst später bemerkte. Es war auch eine andere Art des Laut werdens, des Laut gebens, höher, heller, verzweifelter, aber nicht so wütend. Sie machte ihre Schwester darauf aufmerksam, die es auch schon früher bemerkt hatte, als sich das Bild verstellt hatte am Fernseher und sie um Hilfe bitten wollte. Die Geräusche aus dem Schlafzimmer hielten sie davon ab, das war ihr nicht geheuer. Die Mutter aber kam kurze Zeit später wieder zu ihr, sagte nur, was ist denn mit dem Bild los und schaltete den Fernseher aus. Sie hatte es nicht vergessen, das ungeheuerliche Geräusch, konnte es aber auch nicht einordnen – nachzufragen schien ihr unmöglich – und da auch ihre Schwester keine Antwort wusste, das Schlüsselloch keine klärende Aussicht bot, dauerte es Jahre, bis sie ihrer besten Freundin diese Geräuschkulisse vorspielte und Antworten bekam, die sie so eigentlich nicht hören wollte.
Heute sagte sie, erinnere ich das als schon etwas gruselig, auch irgendwie animalisch, aber als ich später mit meiner eigenen Sexualität befasst war, hat es mich zuerst abgestossen, dass die eigenen Eltern sich so etwas hingaben und dann hat es mich auch auf eine gewisse Art angemacht. Weil es so etwas Verborgenes war, ein heimlicher Vorgang, der mir unheimlich vorkam durch die unbekannten Gräusche und gerade die Kombination des erinnerten Stöhnens mit dem, was ich dann ja auch selber tat, war gut. Sobald sich ein einziges Bild meiner Eltern einmischte, schlug die Erregung in Abscheu und Ekel um. Heute könne sie damit ganz anders umgehen, die Vorstellung, dass ihre Eltern Liebe gemacht hätten am einzigen Tag, an dem der Vater nicht von der Arbeit erschöpft war und dass die Mutter mit Hilfe des Fernsehers dafür gesorgt hatte, dass die Kinder Ruhe gaben und dass ihre Mutter den Geräuschen nach offensichtlich Lust empfunden hätte, würde sie heute glücklich machen. Es wäre im Nachhinein, also jetzt, eine sie tatsächlich glücklich machende Erfahrung und sie würde es als schön empfinden, dass ihre Mutter eine lustvolle Frau gewesen sein. Gesprochen hätten sie nie miteinander über derlei Themen.

Primaten

Sicher ist es die Art, wie Frauen lächeln oder manchmal lauthals lachen, sicher sind es auch ihre Augen, und wie sie mich anschauen, obwohl mir Augen manchmal Angst machen. Blicke ziehen aus, ob es nur die Klamotten sind oder die Seele ist egal. Es schmerzt mich manchmal und beschämt hat es mich oft. Die Blicke von Frauen, die taxieren und fixieren. Irritierenderweise waren es oft Frauen, die mir von den sie ausziehenden Blicken von Männern erzählt haben, von den offensichtlich notgeilen Blicken alter Kerle im Schwimmbad oder in der Sauna, wenn Frau sich entspannen will, es die Blicke der Kerle aber nicht möglich macht.
Zum Beispiel B., mit der ich einige Jahre befreundet war, sehr eng – aber nie intim, bis auf ein Mal Gegrabbel und Geknutsche, weil wir beide bekifft waren. Aber wir haben gerade noch die Kurve gekriegt. Hätten wir miteinander geschlafen, wäre alles vorbei gewesen.
Einmal war ich mit ihr in meiner kleinen Stammsauna – nur kurz, nur für einen Gang, weil es für sie unerträglich war, dass die Männer sie mehr oder weniger unverhohlen anstarrten und auch die Frauen sich anders verhielten als sonst.
Bei meinem nächsten Besuch dort wurde ich gefragt, wer denn das Mädchen in meiner Begleitung gewesen wäre. Und ich antwortete, sie sei meine Freundin, was ja auch stimmte.
In der Hierachie der Primaten stieg ich auf einmal von meiner abseitigen Position auf einen Spitzenplatz auf. Man liess mir den Vortritt, hielt mir die Tür zur Sauna auf, räumte mir bessere Plätze auf den Bänken ein. Die anwesenden Frauen setzten sich auffällig näher an mich heran. Es war beeindruckend wie die Präsenz einer schönen Frau den Wert eines Mannes erhöhen kann ohne dass er überhaupt etwas damit zu tun hat. Das der offensichtliche Zusammenhang zwischen sozialem Status und den entsprechenden Statussymbolen sich auch auf die Schönheit von Menschen bezieht, war mir bis dato in dieser krassen und geradezu plumpen Offensichtlichkeit nicht klar.