Das Sterben meiner Mutter

17. August 2014 Uncategorized

Gestern Abend im Bett war ich mit einem Mal aufgelegt, über das Sterben meiner Mutter nachzudenken und darüber auch zu schreiben.
Nicht über den Krebs, den sie hatte, sondern über ihren Abschied, der sehr leise war und bitter und erstaunlich. Schmerzlich für meinen Vater bestimmt auch, aber ich lebte schon seit Jahren nicht mehr in meiner Heimatstadt und hatte wenig Kontakt zu ihm und auch zu meiner Mutter.
Da sie Krebs im Endstadium hatte und im Krankenhaus auf der Palliativstation lag, und mein Vater nicht ertragen konnte, dass sie allein starb, die sie auch im Leben nicht allein sein konnte, wechselten mein Vater und ich uns ab mit der Krankenwache, die ja schon halbwegs eine Totenwache war. Es war der Zeitpunkt, den meine Mutter selbst bestimmt hatte. Sie sagte zu meinen Brüdern, meinem Vater und mir: Ihr könnt jetzt gehen. Ich will jetzt sterben.
Wie verbittert sie klang, wie enttäuscht vom Leben, sie hatte vielleicht mehr erwartet, auch wenn ich mich fragte: mehr von was? Einfach mehr Jahre zu leben, also mindestens den Durchschnitt, den die deutsche Frau erreicht – mindestens 80 Jahre? Wie absurd. Mehr Spaß oder Arbeit im Garten, was wollte sie vom Leben, dass sie bis zum Zeitpunkt ihres Todes nicht längst hätte erledigen können oder erleben oder was auch immer? Da hatte sie schon nicht geraucht und getrunken, sich mit viel Obst und Gemüse ernährt. Nie zu viel gewogen und dann das. Dumm gelaufen dachte ich und ich habe in meinem Leben entsprechend darauf gepfiffen – mag sein, dass ich dann wenigstens weiss, warum ich Lungenkrebs bekommen werde, aber ich bin dann vielleicht auch nicht verbittert oder enttäuscht vom Leben. In der Hinsicht kann ich die Leute schon verstehen, die sich ausschließlich um ihr Wohlleben kümmern, denen es nur darum geht, möglichst viel mitzunehmen. Reisen, Essen, Lieben – ist ja auch nicht ganz verkehrt. Und dann ein Leben, dass genau so enttäuschend ist wie das, das die eigenen Eltern geführt haben oder eben genau das Gegenteil? Ein Leben, das dem Widerstand gegen die Eltern gewidmet ist oder alternativen Lebensformen oder ähnlichem Scheiß. Und dann? Engagiert in die Zukunft blicken und sich vegan ernähren? Oh no. Aber ich lenke mich nur ab. Es ging mir um das Sterben meiner Mutter. Ihren Tod, darum, dass sie nicht mehr lebt und das ihr Sterben so unspektakulär war, wie ein Vorgang nur belanglos sein kann. Sie sagte einfach: Ich werde jetzt sterben und dann starb sie. Mein Vater hielt die Krankenwache in der Nacht, ich am Tag und am zehnten Tag, während meiner Sterbe-Schicht starb sie dann tatsächlich. Wir hatten noch am Bett gescherzt, mein ältester Bruder und ich, der sich auch, als es um das Sterben meines Vaters ging, nur scherzend über Wasser halten konnte. Als mein Vater uns zum Gespräch gebeten hatte, um das Testament und seine Todesumstände zu klären. Da war er ja ganz der Prokurist, der er auch in seinem Arbeitsleben gewesen war. Hatte alles bis in winzigste Detail schriftlich aufgeführt. Listen von Gästen agefertigt, die eingeladen waren, und welche nicht, welcher Bestattungsunternehmer seine Beerdigung ausrichten sollte und und und. Er hatte sogar schon Kopien anfertigen lassen von einem Porträtfoto von sich und sie in Kiefernholzrahmen gesteckt. Ich weiß noch, wie billig sie waren und wie schlecht das Foto, darauf sah er schon elend aus. Und wer will so etwas als Erinnerung permanent vor Augen haben. Diese eingerahmten Fotos gab er uns dann als Erinnerung mit, fürs Nachttischchen oder um es auf den Kamin zu stellen. Nichts für ungut, aber wie ich mit meiner Erinnerung an einen immerhin respektierten Menschen umgehe, lasse ich mir nicht unbedingt vorschreiben und schon gar nicht von dem Menschen selber. Schon auf der Fahrt nach Hause habe ich den Mist während der Fahrt aus dem Autofenster in den Straßengraben geworfen. Ich habe im Nachlass ein schönes Foto von meiner Taufe gefunden, das fand ich sehr cool und jetzt steht es auf meinem Schreibtisch. Aus einer Zeit, als meine Brüder noch witzig waren und meine Eltern noch lebendig. Jetzt ist alles anders – aber was soll das lamentieren, es ging ja um das Sterben meiner Mutter.
Ich hatte also Sterbeschicht und während dieses zehnten Tages kam mir der Gedanke, wie ich überhaupt bemerken würde, dass meine Mutter tot wäre. Ich las eigentlich die ganze Zeit, schaute ab und zu zum Bett meiner Mutter, die jetzt ja schon tagelang unter Morphium im Koma lag, sich nicht rührte und kein Geräusch von sich gab. Und ich dachte mir, wie peinlich es wohl sei, wenn ich den Tod meiner Mutter nicht mitbekommen würde, mein Vater käme, zum Bett meiner Mutter ginge und feststellen müsste, dass sie schon tot sei. »Junge, hast du wieder nicht aufgepasst?« ich musste kurz lachen. Aber mein Lachen klang merkwürdig in diesem Zusammenhang – in diesem Zimmer – in diesem Szenario – es hatte ein Echo und wiederum keines. Also ließ ich das Lachen und das Nachdenken und las weiter.
Und nicht lange nach meinem Lachen, es war wieder totenstill und dermaßen klinisch ruhig, dass es mich in der Nacht bestimmt gegruselt hätte, starb meine Mutter.
Aufgefallen ist es mir dadurch, dass sich der Raum verändert hatte. Bis heute kann ich es nur so beschreiben. Der Raum hatte sich verändert, ohne dass sich überhaupt irgendetwas verändert hätte.
Es war nichts geschehen und doch war viel passiert. Sie war tot und nicht mehr da. Ihr Körper lag im Bett, und als ich zu ihr ging, ging ich schon nicht mehr zu meiner Mutter, sondern zu einem leblosen Haufen Fleisch, einer Hülle, die mal meine Mutter war.
Trotz all der Scheißtränen, die ich dann geheult habe, war ich doch froh, dass ich dabei war, als sie gestorben ist. Dass ich erleben durfte, wie ein Mensch von den Lebenden zu den Toten gewechselt ist. Und das tatsächlich spürbar jemand geht, dass der Schalter nicht etwa einfach auf Off gestellt wird, sondern dass eine Seele oder wie man es auch immer nennen will, den Körper verlässt und wohin auch immer geht.
Und zwar sehr leise und sehr eindrucksvoll.

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