4. September 2014 Zitate

Die U-Bahn ist voll, die Menschen stehen Rücken an
Rücken und Schulter an Schulter, die Hände fest um
die. Haltestangen geklammert. Die Menge drückt mich
gegen die Plattformwand, mein Gesicht befindet sich
in Höhe eines dort angebrachten Textes mit der Über-
schrift VERHALTEN BEI BETRIEBSSTÖRUNGEN. Ich
fange an zu lesen und bleibe gleich bei dieser Zeile
hängen: DAS ERLÖSCHEN DER BELEUCHTUNG BE-
DEUTET KEINE GEFAHR. Die U-Bahn fährt, ich denke:
DAS ERLÖSCHEN DER ERINNERUNG BEDEUTET KEI-
NE GEFAHR, die Beleuchtung erlischt nicht, ich denke:
DER BEGINN DER ZERSTÜCKELUNG BEDEUTET KEI-
NE GEFAHR, eine Betriebsstörung ist nicht zu erwar-
ten, ich denke: DIE ERINNERUNG DES ERLÖSCHENS
BEDEUTET KEINE GEFAHR, die U-Bahn verschwindet
sicher und fast lautlos in einem Fahrschacht, ich denke:
DIE GEFAHR DES ERLÖSCHENS BLEIBT OHNE ERIN-
NERUNG, die Bahn verläßt den Schacht, ich denke:
DAS ERLÖSCHEN IST DER BEGINN DER GEFAHR, die
Bahn hält an, ich denke: DAS ERLÖSCHEN DES VER-
HALTENS BLEIBT OHNE ERINNERUNG, dann erst,
draußen auf dem Bahnsteig, verläßt mich der Schwin-
del der Worte.

“Die Obdachlosigkeit der Fische” Wilhelm Genazino

Und immer wieder Wilhelm Genazino – seine Art zu schreiben macht mich einerseits sprachlos, auf der anderen Seite treibt mich seine Virtuosität an.

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