18. Januar 2015 Texte, Zitate

Diese mich erstaunende Normalisierung verdanke ich vermutlich Frau Schrader, die ich vergessen hätte, wenn ich sie nicht vor einiger Zeit überraschend auf dem Wochenmarkt wiedergesehen hätte. Wir begrüßten uns, und sie begann zu erzählen, dass sie mit ihrer Familie vor einiger Zeit in meine Nähe gezogen sei und dass es ihr hier sehr gut gefalle. Und während sie die Gründe erläuterte, warum sie keine Zeit für Sprachkurse mehr habe, hatte ich zum ersten Mal eine Idee, die mir das überwundene Kippgefühl zwischen Beschämung und Erlesenheit erklären half. Das Gefühl der Erlesenheit entsteht, weil jeder Künstler die dauernde Nähe zum Scheitern als Nähe zur Verrücktheit erfährt, an die er sich meint, keinesfalls gewöhnen zu dürfen. Deswegen sucht er von Zeit zu Zeit Entlastung, indem er dem Publikum Geständnisse seiner Erlesenheit zumutet, was nur heißen soll, dass er die ihm abverlangte Nähe zur Verrücktheit sozialisieren möchte. Das daraus entstehende Gefühl der Beschämung hat, denke ich, zwei Quellen. Erstens passt es keinem Künstler, dass ihm ausgerechnet das Publikum, das er doch so oft verhöhnt, das Moment der Normalität zurückgeben soll. Zweitens weiß jeder Künstler dass ihn der Erlesenheitszustand nicht wirklich befreit. Das einzige, was ihm auf Dauer hilft, ist die fortschreitende Professionalisierung, die allerdings erneut Beschämung darüber hervorbringt, durch nichts anderes als eine Virtuosenrolle in der Welt zu sein…. (Wilhelm Genazino, Leise singende Frauen)

Solche Gedankengänge muss man erstmal haben, dann muss man sie verstehen und dann hat man evtl. das Glück im Leben auf Menschen zu treffen, die sich an solchen Gedankengängen ebenfalls erfreuen. (via winterreise)

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