16. September 2013 Uncategorized

Fotos, Postkarten, Liebesbriefe, Urkunden, Tagebücher – alles habe ich geschreddert. Fühle ich mich erleichtert?
Habe ich mit den Erinnerungsstücken auch Ballast abgeworfen?
Erstmal ist alles hochgekocht – aus was ein Leben besteht, wie vergänglich es ist, manches Mal witzig und manchmal hochdramatisch.
Die Zeit ist eh verschwunden und die Zeugnisse und Erinnerungsstücke sind jetzt allesamt zerkleinert in feine Streifen – ein Haufen Papier, nurmehr Fetzen der Erinnerung.
Das kann ich nur jedem empfehlen, der Rechenschaft ablegen will über sein Leben – der sich fragen will: Was habe ich getan mit diesem Leben?
Am besten jedes Stück einzeln, bei mir hat das Procedere Tage gedauert.
Und in meinem Fall war es auch körperlich eine brutale Erfahrung.
All die Erinnerungen an die beschissene Schulzeit oder dieses »Neben mir Stehen« bei Familienfeiern, bei denen ich mich immer unwohl gefühlt habe und vollkommen fehl am Platz.
Oder mein Versuch, mir die Bundeswehr mal von Innen heraus anzuschauen und festzustellen, dass tatsächlich alles dort dem dümmlichsten Klischee entspricht.
Oder meine Wehrdienstverweigerung, die mir eben dort bei der BW Arrest und endlose Zusatzrunden bei Märschen eingebracht hat und eine nur noch üblere Verzweiflung während des Zivildienstes danach in einem Altenpflegeheim, in dem die Menschen wie Vieh behandelt wurden.
Oder diese grandiose, alles niedermetzelnde Schmerz, verursacht durch die Trennung von meinen Kindern. Diesen wiederzuempfinden nach mehr als zwanzig Jahren – und zwar mit unverminderter Wucht – das war eine krasse Erfahrung, die ich so nicht für möglich gehalten hätte.
So heftig war dieser Schmerz, der, weder durch die lange Zeit noch durch die Schattenhaftigkeit der Erinnerung gedämpft, so überraschend schnell zurückkam, dass ich mich weinend und unfähig zu denken hinlegen musste.
Meine damalige Angst, meine Kinder zu verlieren – nächtlich wiederkehrende Alpträume von ihrer Entführung – immer derselbe Traum in hunderten Varianten. Sie verschwinden einfach – aus meiner Wohnung, an der Tankstelle, beim Einkaufen, auf dem Weg zur Schule und all meine verzweifelten Versuche, sie zu finden scheitern. Niemand kann mir etwas über ihr Verschwinden sagen, niemand kann mir helfen. Und das jede Nacht.
Ein Jahr hat das angedauert – ein ewig dauerndes Jahr hatte ich Angst sie zu verlieren.
Es sind nur die deprimierenden Erinnerungen, die hochkommen.
50 Jahre geschreddert – manchmal unter Tränen – aber wenn ich es aufgeben will das alte Leben, dann musste das wohl für mich sein.
Welcher Schmerz da losbrandet – ein brennendes Haus.
Und das Deprimierende dabei – auch wenn dieser Spruch so enorm klischeehaft rüberkommt, die Zeit verrinnt tatsächlich gnadenlos.
Bei all dem hat mich die Erkenntnis, dass ich nicht das bedaure, was ich getan habe, sondern das, was ich nicht getan habe, völlig umgehauen.
So sinnlos diese Gedanken auch sein mögen – hätte ich doch Kunst studiert – hätte ich doch dieses oder jenes getan.
Was habe ich nicht getan? Wir haben dieses eine Leben mit diesen Möglichkeiten und diesen Menschen in dieser Konstellation. Rückblickend bedaure ich nur das, was ich nicht getan habe.
Vielleicht verbrannte ich auch deswegen so viele dieser Erinnerungsstücke.
Briefe meines Vaters an meine Mutter, die Zeugnisse ihres Lebens, als ob ich damit auch meine Existenz abschließen könnte, weil ich so eng mit ihnen verknüpft war- nicht nur, um all dies geregelt zu bekommen, sondern auch, um das Unmögliche zu wagen, meiner Erinnerung ein Schnippchen zu schlagen.
Aber wir leben durch unsere Erinnerungen, auch wenn sie grausam sind und uns nur wenig Hoffnung und eine neblige Aussicht auf eine Zukunft geben.
Draußen wird es kälter. Es ist, wie es ist.

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