Rinpoche

10. Januar 2013 Uncategorized

Ich wuchtete nach dem Auftritt mit den anderen Jungs die Koffer in den Laster und wartete in meinem Wagen auf die meist jungen Tänzer, die sich, wenn der Rinpoche keine anderen Anweisungen gab, zu befreundeten Trupps zusammenrotteten. Diesmal kam eine Gruppe noch recht junger Mönche in meinen Wagen zusammen, die mir sofort mit Händen und Füßen klar machten, daß jetzt Musik angesagt war, und zwar laute Musik.
Ich suchte nach einem brauchbaren Sender, aber was ist schon passend nach den rhythmischen Tänzen tibetischer Mönche, die von Trommelschalen aus Schädeln, nepalesischen Becken und Langhörnern untermalt werden.
Sie jubelten, als endlich harte Technobeats aus den Boxen kamen – das war offensichtlich ihre Entspannungsmusik – keine westlich seichten Meditationsklänge, sondern wuchtige Schläge – Herzschläge wild gewordener Yaks.
Wir fuhren in die dunkle Nacht hinaus, zwischen Feldern auf brüchigen Strassen holpernd und groovend im schnellen Beat, in Budapest über die glitzernde Donau, vorbei an strahlend erleuchteten Promenaden, links und rechts die vibrierenden Lichter der Stadt. 
Hätte mir vor Jahren jemand prophezeit, dass ich einmal in einem Mini-Van mit tibetischen Mönche durch die hell erleuchtete Szenerie des mitternächtlichen Budapests fahren würde, in den Ohren betäubend laute Musik, ich hätte ihn für verrückt erklärt.
Sanft streichelte mich der Nachtwind, die Musik hämmerte in meinen Ohren, von allen Seiten blendende Lichter – ich war unglaublich klar und wach und gleichzeitig vollkommen berauscht von der grotesken Situation.
Wir kamen am Zentrum an, das Tor öffnete sich und ich fuhr in den dunklen Innenhof der alten umgebauten Brauerei, in der wir unsere Unterkunft hatten. Während wir Fahrer im Innenhof Tische zusammmenschoben, brachte der Rinpoche seine Mönche zu Bett.

Später an diesem Abend gab er uns  Belehrungen zur Vergänglichkeit aller Dinge – ganz still war es, über die hohen Mauern drang kein Laut in den dunklen Hof und wir lauschten seinen Worte, er sprach so leise – um seine Mönche nicht zu wecken und weil das Thema keine Lautstärke braucht, um verstanden zu werden. 
Bis heute ist dieses Bild in meinem Gedächtnis eingebrannt – das Gesicht des Rinpoches im flackernden Kerzenlicht – seine leise Stimme – die Worte, die so schwer zu begreifen sind.
Jetzt bin ich wieder gefangen im Alltag meiner Welt – sitze am Küchentisch und träume von der Donau, tanzenden  Mönchen und weiss um die Vergänglichkeit aller Dinge.

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